Did you learn anything?

Link zum neuen Tiger-Clip auf YouTube

Mein Blogbeitrag vom 14. Dezember 2009 endete mit der Frage, wie lange wir wohl auf Tiger Woods Werbe-Comeback warten müssen. Es ging sogar noch schneller als bei Kate Moss – er ist wieder da. Pünktlich zum Comeback auf dem Golfplatz zeigt Nike einen Werbespot, der die Lebenskrise seiner einstigen Werbe-Ikone zum Thema macht. In dem Schwarz-Weiß-Clip sieht man einen betrübt dreinschauenden Woods und hört aus dem Off die Stimme seines Vaters Earl: “Ich will herausfinden, was du dir dabei gedacht hast. Ich will herausfinden, was du fühlst”, und endet mit der unbeantworteten Frage “Hast du daraus etwas gelernt?”.

Die Wochenzeitung “Der Freitag” bemerkt erstaunt, “wie der Spot sich in den Kontext der Affäre und der Medien-Berichterstattung einpasst”, der Skandal müsse nicht mehr erwähnt werden, die Details würden bereits als bekannt vorausgesetzt. Insbesondere aber der Umstand, dass Woods’ Vater Earl bereits 2006 verstorben ist, handelte  dem Golfer erneut Kritik auf breiter Front ein. Beim Branchenblatt “Horizont” war der Spot gestern der “Flop der Woche”, Woods habe seine Glaubwürdigkeit endgültig verspielt. In den USA wird das Werbevideo bereits munter persifliert, etwa bei Jimmy Kimmel auf ABC, der Woods’ Mutter sprechen lässt. Aktuelle Scheidungsgerüchte werden sogar auf eben diesen Nike-Spot zurückgeführt, seine Frau soll sehr erbost gewesen sein: “Elin was violently angry over this commercial and thought it was a cheesy thing to do [...] She is over Tiger. I wouldn’t be surprised if she files for divorce sometime soon”, steckte ein angeblich Vertrauter dem People-Magazin.

Ob der Spot also tatsächlich Tiger Woods’ großes Werbe-Comeback wird, darf also bezweifelt werden. Ebenso die entscheidende Frage, ob die Marke Nike von der Aufmerksamkeit der vergangenen Tage wirklich profitiert hat.

Blogmist

Ein neuer Krisenfall denkt man sich, wenn man heute beim Branchendienst PR-Professional liest, „PR-Pranger: Verhängnisvolle Müllsäcke – wie H&M sein Image zerschneidet“. Die Geschichte: Die New Yorker Studentin Cynthia Magnus fand im Hinterhof einer H&M-Filiale Müllsäcke zerschnittener Kleidungstücke, wohl um der neuen Kollektion Platz zu machen. Und das, obwohl in New York bitterkalter Winter ist und es viele Bedürftige gäbe. Über Facebook habe die Studentin Boykottaufrufe initiiert und gezeigt, dass sich Unternehmenskommunikatoren auf eine neue Ära einstellen müssten.

Letzteres stimmt faktisch und schon oft habe ich an dieser Stelle berichtet, wie das Web 2.0 die Krisenkommunikation verändert. Im vorliegenden Fall sieht es aber anders aus. Tatsächlich hat die Studentin den Vorfall der New York Times gemeldet, die bereits Anfang Januar darüber berichtete. Auf der Facebookseite von H&M gab es daraufhin Kommentare von einigen erregten Nutzern. Einen Tag später meldete dann aber das Blatt in seiner Onlineausgabe, H&M habe diese Praxis beendet und zitierte Unternehmenssprecherin Nicole Christie mit den Worten: “It will not happen again […] We are committed 100 percent to make sure this practice is not happening anywhere else, as it is not our standard practice.”. Im Übrigen wurde genauso über Walmart berichtet, bei denen Magnus nur wenige Häuser weiter gleichfalls zerschnittene Kleidung fand. Auch Walmart reagierte umgehend mit ähnlicher Attitüde.

Für mich zeigt der Fall eigentlich nur, dass Unternehmen höllisch aufpassen müssen, dass es mit einer Entschuldigung allein noch nicht getan ist. Früher wäre die Zeitung im Altpapier verschwunden – heute leben die Geschichten in den zahllosen Blogs, Foren und sozialen Netzwerken ewig weiter. Die Inhalte der Geschichten ändern sich. Manchmal nur, weil schlecht übersetzt wird. Gerade für global agierende Unternehmen ist es daher wichtig, das Web 2.0 kontinuierlich in allen Ländern zu screenen und gegebenenfalls gegenzusteuern, wenn sich Krisenherde ausbreiten.

Anmerkung: Das Mitmach-Internet ist wohlgemerkt nicht nur als Bedrohung zu sehen. Manchmal kann es auch zur Wahrheitsfindung beitragen. In den Leserkommentaren der Daily Mail zum Artikel schreibt etwa eine Mitarbeiterin eines Londoner H&M-Stores:

Leserkommentar bei Daily Mail Online

Urlaub auf Haiti? Jetzt? Na klar!

Warum nicht, dachte Royal Caribbean Cruise Lines und steuerte die leidgeprüfte Insel für einen Kreuzfahrtstopp an. Für das gute Gewissen lud die Mannschaft 40 Paletten mit Hilfsgütern an Land, bevor die Reisegruppe „scherzend“ zum Barbecue an einen Privatstrand übersetzte, wie ein Augenzeuge berichtete. 60 Meilen von Port-au-Prince entfernt, gerade weit genug, um die Toten und die Trümmer, die Not und den Gestank nicht wahrnehmen zu müssen.

Schnell „Most popular“ auf HuffingtonPost.com, aufgegriffen von nahezu allen wichtigen europäischen Zeitungen von Guardian bis Süddeutsche scheint der perfekte Aufreger gefunden. Das Beispiel zeigt vor allem, wie schnell die mediale Überhitzung bei einem klassischen Krisenauslöser – Ignoranz von menschlichem Leid – die Fakten verdrängt.

Erstens fiel die Entscheidung, nach Fahrplan auch Haiti anzusteuern, nach intensiven Diskussionen. Zweitens unterstützt die Kreuzfahrtlinie die Erdbebenregion mit mehreren Hilfslieferungen und ist seit vielen Jahren Partner der Aktion „Food for the Poor“. Das Unternehmen spendete 1 Million US-Dollar und hilft den eigenen 230 Mitarbeitern, die auf der Insel arbeiten. Über 300 weitere Jobs hängen direkt von den Kreuzfahrern ab.

Leslie Voltaire, haitianischer Abgesandter bei den Vereinten Nationen, lobte noch vor wenigen Tagen den “positiven wirtschaftlichen Nutzen” der Kreuzfahrtschiffe für das Land. Denn hinter dem Aufreger steht die wirklich entscheidende Frage: Ist Haiti für die Erste Welt auch Wirtschaftsregion und mögliches Urlaubsziel, in dem zu engagieren sich für beide Seiten lohnt? Oder sehen wir in dem „fallen state“ nur noch ein Objekt unserer Hilfsbereitschaft? Wenn wir die erste Frage bejahen, sollten wir Royal Caribbean Cruise Lines zugestehen, ernsthaft auch am Wohle Haitis interessiert zu sein. Schließlich hat das Unternehmen ein vitales Interesse, in Zukunft wieder mit gutem Gewissen vor der „Perle der Karibik“ zu ankern.

Mehr dazu bei Adam Goldstein, Chef der Linie und Blogger, unter http://www.nationofwhynot.com/blog/

Moral auf der Fahne

09-08-05_PaxBank

Es gibt in der Tat Krisenfälle, bei denen man ein leicht hämisches Grinsen nur schwer unterdrücken kann. Insbesondere dann, wenn Unternehmen, die sich in besonderer Weise ethische oder moralische Werte auf die Fahnen geschrieben haben, von einem investigativen Journalisten beim Übertritt eigener Direktiven ertappt werden. Einen solchen Fall hat jüngst die katholische Pax Bank geliefert, die mit ethisch verantwortungsvollen Geldanlagen um Kunden wirbt: „Wir empfehlen Ihnen nur Anlagen solcher Unternehmen, die sich einer positiven, nachhaltigen Gestaltung der Welt verpflichtet haben“, heißt es auf der Unternehmenshomepage. „Katholische Bank investiert in Verhütungsmittel-Hersteller“ hieß es dann aber am Samstag auf Spiegel Online. Aus journalistischer Sicht ein Volltreffer. Man spürt förmlich die Schadenfreude des Autors, als er diese Zeilen tippte:

Dass eine Papst-Enzyklika von 1968 die künstliche Kontrazeption ablehnt, erschien dem Geldhaus angesichts lockender Rendite offenbar nachrangig […] Auch sonst scheint der Pax-Bank […] weltlicher Zins den Blick auf christliche Ethik zu trüben. So hat der Fonds im März 577.970 Euro in den Rüstungsriesen BAE Systems angelegt – er produziert Atom-U-Boote und Kampfflugzeuge. Zusätzlich hielt die Bank Aktien der Tabakkonzerne British American Tobacco und Imperial Tobacco für 870.950 Euro.

Der Artikel endet mit dem Satz „Die Bank nahm zu den Vorwürfen nicht Stellung“. Immerhin entschuldigte man sich tags darauf in einer Pressemitteilung, verkaufte die Aktien und versprach verbesserte Kontrollen. Bei der Pax-Bank betrugen die fraglichen Anlagen gerade einmal 0,1 Promille vom Gesamtgeschäftsvolumen – aber es reichte für eine flächendeckende Berichterstattung in sämtlichen  Medien: Spott und Hohn aller Couleur.

Wer damit nach draußen geht, besonders Gutes zu tun oder gar gut zu sein, muss sich darauf einstellen, daran auch gemessen zu werden. Und früher oder später möglicherweise eines Verstoßes überführt zu werden. Bevor Unternehmen einen CSR-Report publizieren oder sich für eine Greenwashing-Kampagne entscheiden, sollten sie unbedingt ihr Krisenkommunikationssystem auf Kurs bringen.

Herbststurm am Arbeitsmarkt?

Tornado über der Hauptstadt

Zwischen Januar und Juni 2009 hat Pleon über 650 öffentlich zugängliche Ankündigungen von Stellenkürzungen und Massenentlassungen in deutschen Print- und Online-Medien ausgewertet. Davon sind etwa 335.000 Arbeitsplätze betroffen. Auch wenn diese Zahlen die Statistik der Bundesagentur nicht ersetzen können, zeigen sie doch die Dynamik bei Personalanpassungen, ein Indikator, der sich an offiziellen Arbeitsmarktübersichten nicht ablesen lässt. Waren im Januar noch zirka 5.500 abzubauende Stellen annonciert, berichteten die regionalen und nationalen Medien im Juni bereits über bis zu 120.000 gestrichene Arbeitsplätze. Sparprogramme sind „Jobkiller Nummer 1“ Über die Hälfte dieser Fälle sind auf Sparprogramme von Unternehmen zurückzuführen, etwa ein Viertel auf Insolvenzen und ihre Folgen. Standortschließungen, Produktionsverlagerungen und „klassische“ Restrukturierungsprojekte sind für knapp ein Fünftel ursächlich. Das heißt, das Gros des Stellenabbaus muss auf kurzfristige Liquiditätssicherungsprogramme zurück geführt werden. Ein Ergebnis der Auswertung ist auch, dass sich nach Automotive- und Maschinenbaubranche die Krise vor allem durch konsumrelevante Bereiche frisst. Ein Viertel der Abbauankündigungen betreffen Kaufhäuser, Einzelhandel, Konsumgüterhersteller, Hotels, Restaurants und Einzelhandel. Gerade die Gewerkschaften widmen diesem Sektor in den kommenden Monaten verstärkt ihre Aufmerksamkeit, Arcandor und die Folgen sind dafür nur ein Beispiel.

Cash is king

Die Personal- und Finanzchefs vieler Unternehmen kennen zurzeit nur ein Thema: Personalkosten senken und Cashpositionen sichern. Für die interne wie externe Kommunikation ergeben sich damit Aufgaben, denen sich die Mitarbeiter in der Unternehmenskommunikation meist zum ersten Mal stellen müssen: Wie müssen personalrelevante Themen kommuniziert werden, wenn die Perspektive noch unklar ist? Die Einschätzung von Pleon lesen Sie im Dossier “Herbst am Arbeitsmarkt. Bewährungsprobe für Personalkommunikation”, das Sie per Mail anfordern können (dirk.popp(at)pleon.com oder joachim.kuss(at)pleon.com.

Die Avantgarde der Mitbestimmung?

Deutsche Geschäftsführer treffen ihre Betriebsräte und Gewerkschafter zurzeit öfter als üblich. Personalkostensenkungen, Sozialpläne und Interessenausgleiche sind zu verhandeln. Immerhin: Verhandlungskommission trifft auf Verhandlungskommission. In Frankreich haben einige Unternehmen alternativ mit Boss-Napping von sich reden gemacht. Damit war das Arsenal der Guerilla-Mitbestimmung über anstehende Maßnahmen zur Rezessionsbewältigung noch nicht erschöpft.

 

À la avantgarde der Mitbestimmung, überlegen Mitarbeiter eines Automotive-Herstellers diese Tage, ob die Androhung der Sprengung der Fabrik hilft, Abfindungen von 30.000 Euro durchzusetzen (www.sueddeutsche.de/wirtschaft/834/480316/text). Unabhängig vom Erfolg dieser Demonstration: Für ein paar Schlagzeilen ist eine solche Aktion alle Mal gut. Noch ein Vergleich der deutschen Zustände mit denen des Nachbarlandes mag lehrreich sein: Auch wenn es oft ein schwieriger Balance-Akt ist, Verhandlungen adäquat nach innen und außen zu kommunizieren, angesichts explosionsbereiter Gasflaschen dürfte das noch schwerer fallen. Das Management der insolventen New Fabris hat sich bisher jedenfalls noch nicht geäußert.

Common Sense

090625_Brain„Mitdenken!“ hieß in den 1990er Jahren kurz und schlicht einer der wohl bekanntesten deutschen Werbeslogans. Sicher ist es im Nachhinein einfach, über völlig unnötige Fehltritte anderer zu urteilen. Dennoch, ein Vorfall in dieser Woche hat wieder einmal gezeigt, wie schnell Unternehmen zum Gegenstand kritischer Berichterstattung werden können. Als Auslöser dafür bedarf es nicht immer gleich große Störfälle, Datenskandale oder Massenentlassungen. Der Pariser Luxus-Modehersteller Louis Vouiton muss einen gewaltigen Aussetzer gehabt haben, als er am Montag einen Altkleiderladen des Roten Kreuzes in Marburg wegen einer gefälschten Handtasche verklagte und 2.600 Euro für die entstandenen Anwaltskosten von der Hilfsorganisation verlangte. Für Journalisten ein gefundenes Fressen: „Nobelfirma Louis Vuitton verklagt Rotes Kreuz“ heißt es kurz darauf bei Spiegel Online, die AP-Agenturmeldung titelt „Luxushersteller zieht gegen Arme-Leute-Laden zu Feld“ und sueddeutsche.de interviewt umgehend den Vorsitzenden des Roten Kreuzes in Marburg (Titel: „Vuitton? Noch nie gehört!“). Klar, das Vuitton diesem öffentlichen Druck nicht Stand halten konnte und heute einlenken musste – der Beschwerdebrief sei ein Standardverfahren gewesen, man bestehe nicht weiter auf den Forderungen, ließ eine Unternehmenssprecherin verlauten. Überdies habe Vuitton gute Beziehungen zum Roten Kreuz und plane gerade eine Versteigerung zugunsten der Hilfsorganisation. Schön und gut, aber in den Köpfen der Öffentlichkeit bleibt etwas anderes hängen. Ein unbedachtes Verhalten, das sämtliche Charity-Veranstaltungen ad absurdum führt. Hier stößt auch Krisen-PR an seine Grenzen: Kommunikation allein kann den gesunden Menschenverstand nicht ersetzen.

Der Nächste, bitte!

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In München wird heute die nunmehr 8. Ausgabe der “Global CEO-Succession“-Studie von der Strategieberatung Booz & Company vorgestellt, eine CEO-Nachfolge-Untersuchung in den 2.500 weltweit größten börsennotierten Unternehmen. Die Kernaussage: Trotz Wirtschaftskrise räumten 2008 wider Erwarten weniger Vorstandsvorsitzende in Europa und den USA ihre Posten als im Vorjahr. Im deutschsprachigen Raum verließen 17 Prozent der CEOs freiwillig oder unfreiwillig ihren Job, das sind 2,7 Prozent weniger als 2007. In Europa sank die Quote um 1,9 Prozent, in den USA immerhin um 0,5 Prozent. Die Verfasser der Studie schließen daraus, Aufsichtsräte hätten im Krisenjahr 2008 stärker als zuvor auf Kontinuität gesetzt.
Doch auch wenn die Wechselquoten leicht gesunken sein mögen, nirgendwo sonst auf der Welt werden Vorstandsvorsitzende so oft ausgetauscht wie im deutschsprachigen Raum – der CEO-Posten ist und bleibt ein wackliger Stuhl. Neben den vielfältigen Führungsqualitäten ist die öffentliche Wahrnehmung des Vorstandsvorsitzenden immer auch Teil des wirtschaftlichen Erfolgs, er ist die Galionsfigur des Unternehmens, er ist schlichtweg die personifizierte Unternehmenswahrnehmung. Die Tatsache, dass einem beim Gedanken daran selbst kaum positive sondern in erster Linie Negativ-Beispiele einfallen, ist nicht nur auf die von Medien und Politik ausgiebig zelebrierte Managerschelte zurückzuführen. Sie zeugt auch von der hierzulande oft unzureichenden, oft eher zufälligen Positionierung von Vorständen. Dabei ist Kommunikation der entscheidende Hebel für die Profilierung in der Öffentlichkeit und damit ein bedeutender Faktor, welche Meinungen über das Unternehmen vorherrschen. Clevere CEOs und deren Kommunikationschefs haben längst erkannt: Es gilt Themen herauszuarbeiten, mit denen man die Galionsfigur des Unternehmens authentisch in der medialen Öffentlichkeit positionieren kann. Selbstverständlich sind “One-Hit-Wonder”-Themen nur von kurzer Lebensdauer und der CEO läuft Gefahr, reinen PR-Getöses überführt zu werden. Dagegen sind nachhaltig und kontinuierlich gespielte Themen durchaus erfolgsversprechend. Klar ist auch, dass dies ein gerüttelt Maß an Zeit und Ausdauer verlangt. Allerdings: Kommunikation und CEO-Positioning ist kein Ersatz für mangelnde Führungsqualität und schon gar keine Garantie für eine überdurchschnittliche Verweildauer im Unternehmen – wohl aber bietet es die Chance, sich ein Stück Aufmerksamkeit in der medialen Flut zu sichern.

Neues Dictionary: PR – Deutsch / Deutsch – PR

Dictionary

Die Kommunikationsabteilungen der Unternehmen sind derzeit nicht zu beneiden. Dort, wo man sich sonst hauptsächlich mit Sonnenschein-PR auseinandersetzen musste, zwingt die aktuelle Wirtschaftssituation dazu, vor allem unangenehme und unpopuläre Maßnahmen zu verkünden. Das treibt oft seltsame Blüten. In vielen Pressetexten wimmelt es nur so von Phrasen und Floskeln. Besonders beliebt scheinen derzeit maritime Wortspielereien: Da ist man auf „stürmischer See“, es wird „hart am Wind“ gesegelt,  „auf Sicht“ wollen viele fahren – was wohl nichts anderes als „im Nebel stochern“ bedeuten dürfte. Hoffnungsschimmer werden kreiert, die jeglicher Grundlage entbehren: „Wir haben eine sehr starke Konjunkturdelle, aus der viele Unternehmen aber gestärkt hervorgehen werden“. Man könnte auch sagen: “Wer die Krise übersteht, hat nachher möglicherweise etwas weniger Konkurrenz”. Ein interessantes Phänomen in einer Branche, die sich Offenheit, Klarheit und Verständlichkeit auf die Fahnen schreibt. Ein kleines Wörterbuch PR – Deutsch / Deutsch – PR für alle, die wissen wollen um was es geht:

Gesagt: „Was die weiteren Aussichten angeht, müssen wir mit anhaltenden Schwierigkeiten in unserem Geschäft rechnen. Aber es werden sich gleichermaßen neue Chancen eröffnen“. Gemeint “Wir haben keine Ahnung wie es weitergeht”.

Gesagt: „Weitere Ergebnisbelastungen resultierten aus einem ungünstigeren Produktportfolio“. Gemeint: “Wir haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre verschlafen und auf die falschen Produkte gesetzt”.

Gesagt: „Dazu gehören neben Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitskosten auch eine Senkung der Fixkosten sowie der Verwaltungskosten und eine weitere Verschlankung der Organisation.“ Gemeint: “Wir bauen das Unternehmen komplett um und entlassen Mitarbeiter”.

Gesagt: „Projekte werden zurückgestellt, die nicht unmittelbar wettbewerbsrelevant sind.“ Gemeint “Wir haben uns in der Vergangenheit verzettelt”.

Gesagt: „Vor diesem Hintergrund halten wir unser Ziel für zunehmend ambitioniert“. Gemeint “Wir haben unsere Ziele aufgegeben, es wird alles noch viel schlimmer.“

Gesagt: „Gespräche mit dem Betriebsrat aufnehmen“. Gemeint: „Kündigungen stehen unmittelbar bevor“.

Gesagt: “Wir setzen beim Stellenabbau auf natürliche Fluktuation”. Gemeint: “Kontrollieren kann das keiner”.

Manche Unternehmen lösen ihre Floskeln ungewollt selbst auf. Ein großes IT-Unternehmen verkündete jüngst „Gute Fortschritte bei Kostensenkung im zweiten Geschäftsquartal 2009“. Beinah sarkastisch war dann in der Pressemeldung zu lesen, im vergangenen Quartal habe das Unternehmen „sehr gute Fortschritte bei der Senkung der Mitarbeiterzahl gemacht.“

Keine Zeit mehr zum Denken: Zerstört der Internet-Nachrichtenzirkus die Welt?

No time to think

Das Internet schafft schneller Tatsachen als Menschen denken können. Ein Beispiel: 2002 meldete United Airlines Insolvenz an. Sechs Jahre später wird daraus ganz automatisch eine News: Im Online-Archiv von “Sun Sentinal” ist der Bericht von 2002 ohne Datum zu finden. In einer Septembernacht 2008 wurde dieser Artikel EINMAL angeklickt. Die Startseite des “Sentinal” führt den Text plötzlich als einen der meist besuchten Beiträge. Google News listet ihn entsprechend ganz vorn und setzt das Datum 6.9.2008 dazu. Dann wird die “News” von einem Mitarbeiter eines Investmentdienstleisters ohne Recherche in einen Newsletter aufgenommen. Ohne den Hinweiss, dass United Airlines seit 2006 wieder zahlungsfähig war. Der UA-Kurs brach um 75 Prozent ein und die Aktie musste für einige Stunden aus dem Handel genommen werden. Eine Milliarde Dollar wurde innerhalb von 12 Minuten vernichtet. Condor erging es nicht ganz so schlimm: Doch die Meldung vom 21. August 2008 zu einer Notlandung einer Maschine in Mombasa, wurde ganz automatisch im März 2009 wieder verbreitet und so zu einer News sogar für Printmedien.

“Shit happens”, könnte man meinen. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Zuviele News sind online, bevor Unternehmen reagieren. Ob automatisch generiert oder von Pressure Groups gepusht, Corporate Communications tut sich schwer mit der Geschwindigkeit, Kürze und Prägnanz, die im Web zählt. Drei Minuten Reaktionszeit bei Twitter? Ein Blog-Eintrag ohne Abstimmungsprozedur? Im Normalfall heißt’s: Vergessen Sie’s. Wie immer die Antwort aus den Konzernkommunikationen auf Google News, Blogosphere und Social Media aussehen wird: Profundes Nachdenken über notwendige Entscheidungen und ihre Kommunikation werden auch im Web 2.0 Zeitalter das sein, was zählt. Auch wenn die Zielgruppen länger als drei Minuten auf das CEO-Statement warten müssen.

Dazu ein Beispiel aus der jüngsten Geschichte. Der Pulitzer-Preisträger Howard Rosenberg und Reporterlegende Charles S. Feldmann gehen in ihrem Buch “No time to think” einen Schritt weiter und fragen, ob der 24/7-Nachrichtenzyklus des Internet profunde Entscheidungen überhaupt unmöglich machen kann. Sie interviewten Ted Sorensen, einen der Berater von JFK während der Kubakrise 1962. Auf die Frage, wie die Dinge sich heute entwickelt hätten, antwortet Sorensen: “Wäre das erste Zeichen der Raketenkrise der Öffentlichkeit bekannt geworden, hätte der 24/7-Nachrichtenzyklus einen enormen Druck auf den Präsidenten erzeugt, sofort zu reagieren. [...] Höchstwahrscheinlich hätte das bedeutet, dass wir einen Luftangriff gegen die Raketen und ähnliche Ziele gewählt hätten. Das hätte laut Pentagon höchstwahrscheinlich einen Einmarsch und eine Besetzung Kubas nach sich gezogen. Und dann hätten wir höchstwahrscheinlich entdeckt, dass die Sowjettruppen in Kuba sowohl über taktische Nuklearwaffen als auch die Berechtigung, sie bei jedem US-Angriff einzusetzen, verfügten. Das Ergebnis wäre ein Atomkrieg und die Zerstörung der Welt gewesen.” Webkritik hin oder her – das alles haben die Autoren natürlich auch 24/7 unter notimetothinkbook.com veröffentlicht.