Moral auf der Fahne

09-08-05_PaxBank

Es gibt in der Tat Krisenfälle, bei denen man ein leicht hämisches Grinsen nur schwer unterdrücken kann. Insbesondere dann, wenn Unternehmen, die sich in besonderer Weise ethische oder moralische Werte auf die Fahnen geschrieben haben, von einem investigativen Journalisten beim Übertritt eigener Direktiven ertappt werden. Einen solchen Fall hat jüngst die katholische Pax Bank geliefert, die mit ethisch verantwortungsvollen Geldanlagen um Kunden wirbt: „Wir empfehlen Ihnen nur Anlagen solcher Unternehmen, die sich einer positiven, nachhaltigen Gestaltung der Welt verpflichtet haben“, heißt es auf der Unternehmenshomepage. „Katholische Bank investiert in Verhütungsmittel-Hersteller“ hieß es dann aber am Samstag auf Spiegel Online. Aus journalistischer Sicht ein Volltreffer. Man spürt förmlich die Schadenfreude des Autors, als er diese Zeilen tippte:

Dass eine Papst-Enzyklika von 1968 die künstliche Kontrazeption ablehnt, erschien dem Geldhaus angesichts lockender Rendite offenbar nachrangig […] Auch sonst scheint der Pax-Bank […] weltlicher Zins den Blick auf christliche Ethik zu trüben. So hat der Fonds im März 577.970 Euro in den Rüstungsriesen BAE Systems angelegt – er produziert Atom-U-Boote und Kampfflugzeuge. Zusätzlich hielt die Bank Aktien der Tabakkonzerne British American Tobacco und Imperial Tobacco für 870.950 Euro.

Der Artikel endet mit dem Satz „Die Bank nahm zu den Vorwürfen nicht Stellung“. Immerhin entschuldigte man sich tags darauf in einer Pressemitteilung, verkaufte die Aktien und versprach verbesserte Kontrollen. Bei der Pax-Bank betrugen die fraglichen Anlagen gerade einmal 0,1 Promille vom Gesamtgeschäftsvolumen – aber es reichte für eine flächendeckende Berichterstattung in sämtlichen  Medien: Spott und Hohn aller Couleur.

Wer damit nach draußen geht, besonders Gutes zu tun oder gar gut zu sein, muss sich darauf einstellen, daran auch gemessen zu werden. Und früher oder später möglicherweise eines Verstoßes überführt zu werden. Bevor Unternehmen einen CSR-Report publizieren oder sich für eine Greenwashing-Kampagne entscheiden, sollten sie unbedingt ihr Krisenkommunikationssystem auf Kurs bringen.

Die Avantgarde der Mitbestimmung?

Deutsche Geschäftsführer treffen ihre Betriebsräte und Gewerkschafter zurzeit öfter als üblich. Personalkostensenkungen, Sozialpläne und Interessenausgleiche sind zu verhandeln. Immerhin: Verhandlungskommission trifft auf Verhandlungskommission. In Frankreich haben einige Unternehmen alternativ mit Boss-Napping von sich reden gemacht. Damit war das Arsenal der Guerilla-Mitbestimmung über anstehende Maßnahmen zur Rezessionsbewältigung noch nicht erschöpft.

 

À la avantgarde der Mitbestimmung, überlegen Mitarbeiter eines Automotive-Herstellers diese Tage, ob die Androhung der Sprengung der Fabrik hilft, Abfindungen von 30.000 Euro durchzusetzen (www.sueddeutsche.de/wirtschaft/834/480316/text). Unabhängig vom Erfolg dieser Demonstration: Für ein paar Schlagzeilen ist eine solche Aktion alle Mal gut. Noch ein Vergleich der deutschen Zustände mit denen des Nachbarlandes mag lehrreich sein: Auch wenn es oft ein schwieriger Balance-Akt ist, Verhandlungen adäquat nach innen und außen zu kommunizieren, angesichts explosionsbereiter Gasflaschen dürfte das noch schwerer fallen. Das Management der insolventen New Fabris hat sich bisher jedenfalls noch nicht geäußert.

Ist Angriff ist die beste Verteidigung?

Der Tagesspiegel vom 12. Juli 2009 widmet sich der Auseinandersetzung um die Dopingvorwürfe gegen Claudia Pechstein. Die Sportlerin und fünfache Olympiasiegerin ist die erste Sportlerin, die auf Basis von Indizien wegen des Verdachts auf Blutdoping gesperrt werden soll. Die Athletin hat eine Medien-Offensive gestartet. Die Frage der Autoren: Ist das nach der Sperre die richtige Strategie? Hilft der Auftritt im Sportstudio des ZDF nur 24 Stunden nach Bekanntgabe des Urteils der Welt-Anti-Doping-Agentur?

Pechsteins Manager Ralf Grengel sagt, seine Klientin lasse sich nicht von Krisenexperten beraten. Die allerdings sind der Meinung, Pechstein hätte früher aktiv werden sollen. “Pechstein hätte sich früher auf die Auseinandersetzung vorbereiten müssen, bemängelt Dirk Popp. Er sagt, dass auch langjährige Spitzenmanager zuweilen einen Skandal kommen sähen, sich jedoch zu Unrecht verfolgt fühlten und deshalb glaubten, es sei das Beste, den Sturm vorüberziehen zu lassen”, zitiert der Tagesspiegel. Den vollständigen Artikel lesen Sie online unter www.tagesspiegel.de/sport/doping/Claudia-Pechstein-Eisschnelllauf-Doping;art2650,2845616

Common Sense

090625_Brain„Mitdenken!“ hieß in den 1990er Jahren kurz und schlicht einer der wohl bekanntesten deutschen Werbeslogans. Sicher ist es im Nachhinein einfach, über völlig unnötige Fehltritte anderer zu urteilen. Dennoch, ein Vorfall in dieser Woche hat wieder einmal gezeigt, wie schnell Unternehmen zum Gegenstand kritischer Berichterstattung werden können. Als Auslöser dafür bedarf es nicht immer gleich große Störfälle, Datenskandale oder Massenentlassungen. Der Pariser Luxus-Modehersteller Louis Vouiton muss einen gewaltigen Aussetzer gehabt haben, als er am Montag einen Altkleiderladen des Roten Kreuzes in Marburg wegen einer gefälschten Handtasche verklagte und 2.600 Euro für die entstandenen Anwaltskosten von der Hilfsorganisation verlangte. Für Journalisten ein gefundenes Fressen: „Nobelfirma Louis Vuitton verklagt Rotes Kreuz“ heißt es kurz darauf bei Spiegel Online, die AP-Agenturmeldung titelt „Luxushersteller zieht gegen Arme-Leute-Laden zu Feld“ und sueddeutsche.de interviewt umgehend den Vorsitzenden des Roten Kreuzes in Marburg (Titel: „Vuitton? Noch nie gehört!“). Klar, das Vuitton diesem öffentlichen Druck nicht Stand halten konnte und heute einlenken musste – der Beschwerdebrief sei ein Standardverfahren gewesen, man bestehe nicht weiter auf den Forderungen, ließ eine Unternehmenssprecherin verlauten. Überdies habe Vuitton gute Beziehungen zum Roten Kreuz und plane gerade eine Versteigerung zugunsten der Hilfsorganisation. Schön und gut, aber in den Köpfen der Öffentlichkeit bleibt etwas anderes hängen. Ein unbedachtes Verhalten, das sämtliche Charity-Veranstaltungen ad absurdum führt. Hier stößt auch Krisen-PR an seine Grenzen: Kommunikation allein kann den gesunden Menschenverstand nicht ersetzen.

Neues Dictionary: PR – Deutsch / Deutsch – PR

Dictionary

Die Kommunikationsabteilungen der Unternehmen sind derzeit nicht zu beneiden. Dort, wo man sich sonst hauptsächlich mit Sonnenschein-PR auseinandersetzen musste, zwingt die aktuelle Wirtschaftssituation dazu, vor allem unangenehme und unpopuläre Maßnahmen zu verkünden. Das treibt oft seltsame Blüten. In vielen Pressetexten wimmelt es nur so von Phrasen und Floskeln. Besonders beliebt scheinen derzeit maritime Wortspielereien: Da ist man auf „stürmischer See“, es wird „hart am Wind“ gesegelt,  „auf Sicht“ wollen viele fahren – was wohl nichts anderes als „im Nebel stochern“ bedeuten dürfte. Hoffnungsschimmer werden kreiert, die jeglicher Grundlage entbehren: „Wir haben eine sehr starke Konjunkturdelle, aus der viele Unternehmen aber gestärkt hervorgehen werden“. Man könnte auch sagen: “Wer die Krise übersteht, hat nachher möglicherweise etwas weniger Konkurrenz”. Ein interessantes Phänomen in einer Branche, die sich Offenheit, Klarheit und Verständlichkeit auf die Fahnen schreibt. Ein kleines Wörterbuch PR – Deutsch / Deutsch – PR für alle, die wissen wollen um was es geht:

Gesagt: „Was die weiteren Aussichten angeht, müssen wir mit anhaltenden Schwierigkeiten in unserem Geschäft rechnen. Aber es werden sich gleichermaßen neue Chancen eröffnen“. Gemeint “Wir haben keine Ahnung wie es weitergeht”.

Gesagt: „Weitere Ergebnisbelastungen resultierten aus einem ungünstigeren Produktportfolio“. Gemeint: “Wir haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre verschlafen und auf die falschen Produkte gesetzt”.

Gesagt: „Dazu gehören neben Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitskosten auch eine Senkung der Fixkosten sowie der Verwaltungskosten und eine weitere Verschlankung der Organisation.“ Gemeint: “Wir bauen das Unternehmen komplett um und entlassen Mitarbeiter”.

Gesagt: „Projekte werden zurückgestellt, die nicht unmittelbar wettbewerbsrelevant sind.“ Gemeint “Wir haben uns in der Vergangenheit verzettelt”.

Gesagt: „Vor diesem Hintergrund halten wir unser Ziel für zunehmend ambitioniert“. Gemeint “Wir haben unsere Ziele aufgegeben, es wird alles noch viel schlimmer.“

Gesagt: „Gespräche mit dem Betriebsrat aufnehmen“. Gemeint: „Kündigungen stehen unmittelbar bevor“.

Gesagt: “Wir setzen beim Stellenabbau auf natürliche Fluktuation”. Gemeint: “Kontrollieren kann das keiner”.

Manche Unternehmen lösen ihre Floskeln ungewollt selbst auf. Ein großes IT-Unternehmen verkündete jüngst „Gute Fortschritte bei Kostensenkung im zweiten Geschäftsquartal 2009“. Beinah sarkastisch war dann in der Pressemeldung zu lesen, im vergangenen Quartal habe das Unternehmen „sehr gute Fortschritte bei der Senkung der Mitarbeiterzahl gemacht.“

Keine Zeit mehr zum Denken: Zerstört der Internet-Nachrichtenzirkus die Welt?

No time to think

Das Internet schafft schneller Tatsachen als Menschen denken können. Ein Beispiel: 2002 meldete United Airlines Insolvenz an. Sechs Jahre später wird daraus ganz automatisch eine News: Im Online-Archiv von “Sun Sentinal” ist der Bericht von 2002 ohne Datum zu finden. In einer Septembernacht 2008 wurde dieser Artikel EINMAL angeklickt. Die Startseite des “Sentinal” führt den Text plötzlich als einen der meist besuchten Beiträge. Google News listet ihn entsprechend ganz vorn und setzt das Datum 6.9.2008 dazu. Dann wird die “News” von einem Mitarbeiter eines Investmentdienstleisters ohne Recherche in einen Newsletter aufgenommen. Ohne den Hinweiss, dass United Airlines seit 2006 wieder zahlungsfähig war. Der UA-Kurs brach um 75 Prozent ein und die Aktie musste für einige Stunden aus dem Handel genommen werden. Eine Milliarde Dollar wurde innerhalb von 12 Minuten vernichtet. Condor erging es nicht ganz so schlimm: Doch die Meldung vom 21. August 2008 zu einer Notlandung einer Maschine in Mombasa, wurde ganz automatisch im März 2009 wieder verbreitet und so zu einer News sogar für Printmedien.

“Shit happens”, könnte man meinen. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Zuviele News sind online, bevor Unternehmen reagieren. Ob automatisch generiert oder von Pressure Groups gepusht, Corporate Communications tut sich schwer mit der Geschwindigkeit, Kürze und Prägnanz, die im Web zählt. Drei Minuten Reaktionszeit bei Twitter? Ein Blog-Eintrag ohne Abstimmungsprozedur? Im Normalfall heißt’s: Vergessen Sie’s. Wie immer die Antwort aus den Konzernkommunikationen auf Google News, Blogosphere und Social Media aussehen wird: Profundes Nachdenken über notwendige Entscheidungen und ihre Kommunikation werden auch im Web 2.0 Zeitalter das sein, was zählt. Auch wenn die Zielgruppen länger als drei Minuten auf das CEO-Statement warten müssen.

Dazu ein Beispiel aus der jüngsten Geschichte. Der Pulitzer-Preisträger Howard Rosenberg und Reporterlegende Charles S. Feldmann gehen in ihrem Buch “No time to think” einen Schritt weiter und fragen, ob der 24/7-Nachrichtenzyklus des Internet profunde Entscheidungen überhaupt unmöglich machen kann. Sie interviewten Ted Sorensen, einen der Berater von JFK während der Kubakrise 1962. Auf die Frage, wie die Dinge sich heute entwickelt hätten, antwortet Sorensen: “Wäre das erste Zeichen der Raketenkrise der Öffentlichkeit bekannt geworden, hätte der 24/7-Nachrichtenzyklus einen enormen Druck auf den Präsidenten erzeugt, sofort zu reagieren. [...] Höchstwahrscheinlich hätte das bedeutet, dass wir einen Luftangriff gegen die Raketen und ähnliche Ziele gewählt hätten. Das hätte laut Pentagon höchstwahrscheinlich einen Einmarsch und eine Besetzung Kubas nach sich gezogen. Und dann hätten wir höchstwahrscheinlich entdeckt, dass die Sowjettruppen in Kuba sowohl über taktische Nuklearwaffen als auch die Berechtigung, sie bei jedem US-Angriff einzusetzen, verfügten. Das Ergebnis wäre ein Atomkrieg und die Zerstörung der Welt gewesen.” Webkritik hin oder her – das alles haben die Autoren natürlich auch 24/7 unter notimetothinkbook.com veröffentlicht.

Vom Internethändler zum Internetopfer

Protest gegen Amazon

Mitten in der weltweiten Konjunkturkrise fiel gestern eine Meldung aus dem gewohnten Rahmen. Der US-amerikanische Internethändler Amazon verdiente im ersten Quartal mit 177 Mio. Dollar knapp ein Viertel mehr als im Vorjahr. Doch das Unternehmen aus Seattle macht dieser Tage noch ganz andere Schlagzeilen, die weit höhere Wellen schlagen: Auf der US-Webseite des Unternehmens waren 57.310 Bücher mit so genannter „Adult“-Kennzeichnung aus der Suche und den Bestsellerlisten verschwunden. Betroffen war unter anderem Literatur mit homosexuellem Inhalt. Ein gewaltiger Sturm der Entrüstung brach daraufhin kurz vor Ostern im Internet los. Von Zensur und Verschwörung war in den Foren und Blogs die Rede, tausende Kunden schrieben erzürnte Beschwerdemails, Online-Petitionen wurden eingerichtet und öffentliche Briefe an Amazon gesandt. Erst am Ostermontag räumte Amazon einen „unerfreulichen und ärgerlichen Katalogfehler“ als Ursache ein. Verwunderlich, wie zögerlich das Krisenmanagement des Branchenriesens anlief.  Schon kurz darauf berichteten große Zeitungen wie die New York Times über den Vorfall.
Weltweit wurde das Thema von den Medien aufgegriffen, nicht nur Lesben- und Schwulenverbände äußerten sich empört. „Der Internethändler Amazon hat geschafft, was nicht einmal Jesus am vergangenen Osterwochenende vollbrachte: das am meist diskutierte Thema zu werden“, schrieb die Journalistin Sophia Seiderer in der WELT. Ihr Kollege Jochen Hung von der ZEIT bezeichnet den Fall als klares Beispiel für eine neue Protestkultur, die sich zunehmend von der Straße ins Internet verlagert. Als „Gewinner“ des Aufruhrs sieht der ZEIT-Autor den Mikro-Bloggingdienst Twitter, auf dem sich der erste Widerstand formierte: „Dort fanden sich innerhalb kürzester Zeit einzelne Benutzer, die sich nur über das seltsame Gerücht wunderten, zu zielgesteuerten Gruppen zusammen“.
Für sämtliche Konzerne jedoch sollte das Beispiel Amazon als Warnschuss gelten. Mit Twitter erweitert sich der Handlungspielraum der Internetgemeinde und die Unternehmen tun gut daran, jetzt ihre Kommunikationsabteilungen angemessen auf diese neue Herausforderung einzustellen.
Amazon ficht das wenig an. Ohne zu warten, bis sich die medialen Wogen wieder etwas geglättet haben, eröffnete der Internethändler heute einen neuen Kriegsschauplatz und verklagte das junge Schweizer Aktionsnetzwerk Amazee wegen vermeintlicher Verwechslungsgefahr. Die Presse jedenfalls nimmt solche Nachrichten dankbar auf – „Amazon verklagt kleine Firma wegen des Ee“ titelte heute Handelsblatt Online auf der Startseite. Die Berichte über die ausgezeichneten Quartalsergebnisse treten damit natürlich in den Hintergrund.

Tatwaffe Online-Video: Unternehmensbedrohung 2.0

Ekel-Video

Es war ein Lehrstück in Sachen „Unterschätzte Gefahren des Web 2.0“, das dieser Tage in den USA aufgeführt wurde: Zwei Mitarbeiter des US-Fastfoodunternehmens “Domino’s Pizza” filmten sich in der Küche einer Filiale in North Carolina, wie sie Käse in die Nase steckten, bevor sie ihn auf den Sandwiches ahnungsloser Kunden “platzierten”. Diese Szene und vier weitere Ekelvideos stellten sie dann bei Youtube unter dem Titel „Disgusting Domino’s People“ ins Internet. Das Spiel nimmt seinen Lauf: Dank zahlreicher Blogs, Facebook und Twitter haben sich rasant schnell mehr als eine Million Internetnutzer die unappetitlichen Clips angesehen. Die Nachricht hat die eingeschworene Internetgemeinde längst verlassen, mittlerweile berichten auch deutsche Leitmedien wie der Spiegel darüber. Domino’s hat 125.000 Mitarbeiter – zwei davon verursachten innerhalb von wenigen Tagen einen PR-Gau, dessen Auswirkungen das Unternehmen noch wochen-, wenn nicht sogar monatelang spüren wird. Marktforschungsinstitute wie BrandIndex oder Zeta Interactive meldeten bereits jetzt dramatische Imagewertverluste für Domino’s. Zwar reagierte Domino’s umgehend und ließ den Clip beim Videoportal Youtube sperren, doch im Internet der Blogs und sozialen Netzwerke lebt alles weiter – die Videos sind nach wie vor im Netz zu finden. Die Spirale der Verbreitung versucht Domino’s gerade mit den gleichen Waffen zu bekämpfen – mit einem eigenen Youtube-Clip, in dem sich Konzernpräsident Patrick Doyle entschuldigt und einem Domino’s-Twitter-Konto. Doch das Image des Unternehmens ist nachhaltig beschädigt worden, das weiß auch der Kommunikationschef der Pizzakette Tim McIntyre:

„The challenge that comes with the freedom of the internet is that any idiot with a camera and an internet link can do stuff like this – and ruin the reputation of a brand that’s nearly 50 years old, and the reputations of 125,000 hard-working men and women across the nation and in 60 countries around the world.”

Die Unternehmenskommunikation reagierte vergleichsweise schnell und schlug mit den Mitteln der Onlinekommunikation zurück. Mindestens ein großes ABER gibt es jedoch: Domino’s brauchte 24 Stunden, um adäquat zu reagieren. So lange lag die Kommunikationshoheit in den unendlichen Weiten des Webs. Millionen von Usern kamen in den Genuss der zweifelhaften Clips. Noch bedenklicher: Das Unternehmen musste erst von Internetusern auf die Videos hingewiesen werden. Dies wäre durchaus vermeidbar gewesen. Leistungsstarke Tools wie das neue Pleon Webscan alarmieren in Echtzeit über unternehmenskritische Meldungen im Web 2.0 und sichern die mitunter entscheidenden Minuten im Kampf um die Kommunikationshoheit.

Kapitulation: Prognosenotstand ausgerufen

Prognosenotstand

Die täglichen Hiobsbotschaften zur Lage der Wirtschaft wurden Mitte April um eine bisher ungekannte Note ergänzt: Aufgrund der extremen Unsicherheiten verweigerte das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in seiner Frühjahrsanalyse eine bezifferte Konjunkturprognose für 2010.
Die Wirtschaftsgurus rufen den Notstand aus und erklären den Bankrott der Prognosemodelle. Die ersten Wirtschaftsforscher kapitulieren öffentlich – eine geradezu bizarr anmutende Situation. Doch was jetzt unter den Prognostikern eine völlig neue Dimension erreicht hat, ist bei den deutschen Großunternehmen in den vergangenen Wochen geradezu zum Standard geworden: Wie das Handelsblatt in seiner gestrigen Ausgabe berichtete, hielt sich das Gros der DAX30-Aktienkonzerne mit Umsatz- und Gewinnprognosen für das laufende Geschäftsjahr zurück und vertröstete die Shareholder mit einander verblüffend ähnlichen Argumenten.

Noch vor kurzer Zeit undenkbar, akzeptiert die Medienberichterstattung fehlende Vorhersagen mittlerweile mit einer gewissen Gleichgültigkeit. Und nicht nur die Medien, selbst die Finanzanalysten von “Rating Ltd.” scheinen sich damit ein wenig arrangiert zu haben. Besonders bei den Banken und Automobilherstellern ist die verweigerte Prognose auch eine Lehre aus 2008, als statt angekündigter Gewinne mitunter die Bitte um Staatsbeihilfen offeriert wurden.

Es ist also nur ein Gebot der Ehrlichkeit, wenn Unternehmen angesichts der Lage die Waffen strecken und keine konkreten Umsatz- und Gewinnerwartungen kommunizieren. Bis die Bodenbildung der Konjunktur einsetzt heißt es: Lieber noch ein Stirnrunzeln wegen “no forecast”, statt Prügel wegen einer später notwendigen Gewinnwarnung einstecken.

Verständnisvolle Mienen zum bösen Spiel

wirtschaftskrise

Wie die Wirtschaftskrise die Unternehmenskommunikation verändert

Wenn eine Milliardärin ihren Pelz ablegt, um mit rotem Schal Steuergelder für ihr Unternehmen zu fordern, hat das irgendwie den Beigeschmack billigen Anbiederns. Doch statt Medienschelte erntete eine bekannte deutsche Unternehmerin kürzlich Verständnis für ihren optischen Schulterschluss mit den Gewerkschaften. Diese Szene vor der Frankfurter IG-Metall-Zentrale ist symptomatisch: Die Weltwirtschaftskrise hat die Schmerzgrenze in der öffentlichen Meinung dramatisch verschoben.

“Was heute von den Medien und der Öffentlichkeit weitgehend unkritisch akzeptiert wird, hätte noch vor einem Jahr hohe Wellen geschlagen”, sagt Dirk Popp, Managing Partner der Kommunikationsberatung Pleon und dort verantwortlich für das Thema Krisenkommunikation. “Unternehmensnachrichten wie der Abbau von Zeitarbeit oder die Ankündigung von Kurzarbeit generieren zwar immer noch Berichterstattung, aber weitaus weniger kritische Kommentare”, beobachtet der Kommunikationsexperte.

Ähnlich verhält es sich mit ausbleibenden Prognosen. Eine Bilanzpressekonferenz ohne konkreten Ausblick auf das folgende Geschäftsjahr – vor Ausbruch der Krise nahezu undenkbar. Viel zu hoch wäre das Risiko dramatisch absinkender Aktienkurse gewesen. Anfang 2009 hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt: Etwa 80 Prozent der DAX-30-Unternehmen haben beim Veröffentlichen ihrer Zahlen auf einen detaillierten Ausblick für 2009 verzichtet – Journalisten wie Analysten äußern meist Verständnis.

Gute Vorbereitung bleibt entscheidender Erfolgsfaktor

Da drängt sich die Frage auf, ob die Weltwirtschaftskrise nur vorübergehend die Schmerzgrenze verschiebt oder ob sie die goldenen Regeln der Kommunikation außer Kraft setzt. Die Antwort: Der Handlungsbedarf ist erhöht, aber er ist nicht gänzlich anders. Auch jetzt gilt: Auf Krisen kann – und muss – man sich vorbereiten. Dazu gehören das kontinuierliche Evaluieren latenter, kritischer Themen, ein strategisch aufgesetztes Issues Management, Risikoprävention durch angemessene, organisatorische Strukturen und die Vorbereitung auf den Ernstfall mittels Krisenreaktionstools, Handbüchern, Simulationen und Mitarbeitertrainings. “Insbesondere bei kritischen Themen gilt ‘intern’ gleich ‘extern’: Mitarbeiter können nicht andere Botschaften übermittelt bekommen als die Öffentlichkeit”, mahnt Popp. Stattdessen muss die eigene Position verständlich, nachvollziehbar und konsistent erläutert werden. Und vor allem gilt es, glaubwürdig zu sein. Denn eine inszenierte Betroffenheit kann sich genauso kontraproduktiv auswirken wie ein eiskaltes Pokerface.

Alles eine Frage des Timings

Neben der Frage “Was kommunizieren wir?” stellt sich auch immer die Frage des Zeitpunkts. “Viele Manager haben gelernt, wie sie in Krisenzeiten kommunizieren müssen – und vor allem wann”, resümierte kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Ihr war aufgefallen, dass sich am Tag der Amtseinführung von Barack Obama “rein zufällig” die schlechten Unternehmensmeldungen in den hoffnungslos mit der Inauguration überlasteten Redaktionen stapelten: Fast zeitgleich kündigten mehrere Automobilhersteller umfassende Kurzarbeit an, während die Hypo Real Estate weitere Milliardenbürgschaften von der Bundesregierung forderte. Und wie sah die Berichterstattung dazu aus? Maximal ein kurzer Artikel oder Beitrag. “Die düsteren Wirtschaftsmeldungen kommen daher wie die Ergebnisse exotischer Randsportarten”, stellte die Süddeutsche ernüchtert fest. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass Unternehmen, die jetzt positive News haben, diese weitaus besser platzieren können als noch vor einigen Monaten. Offensichtlich sind auch Journalisten im Moment auf der Suche nach dem Lichtstreif am Horizont.