„Die Zitrone wurde nicht nur ausgequetscht, sie hat sogar schon gequietscht.“

Das sind Orte, von denen man glaubt, dass es sie so gar nicht mehr gibt: Das alt-ehrwürdige RIAS-Gebäude am Innsbrucker Platz in Berlin. Eine Pförtnerloge mit scheinbar zur Einrichtung gehörendem Personal, die marmorne Freitreppe aus den späten Fünfzigern, lange Gänge mit eichefarbenen (?) Türrahmen, an den Wänden eine Fotogalerie von Grass bis Kohl und dann das Studio 5, in dem auch schon Ludwig Ehrhardt hätte sitzen können. Ein Haus, in dem der Glanz des deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit optisch und architektonisch konserviert ist. Alles ein wenig ausgestorben – am vergangenen Freitagabend.

Umso lebendiger die Runde, die sich zum „Medienquartett“ traf: Gemeinsam mit Hans Janke, Klaus-Peter Johanssen und Hajo Schumacher war ich eingeladen, das Thema „Öffentlichkeitsarbeit in Krisenzeiten“ auszuloten – von Deutschlandfunk-Redakteur Christian Floto moderiert.

Aufhänger der Sendung war Christian Wulff und sein jetzt schon legendäres TV-Interview. Daraus entspann sich die Frage, ob der Bundespräsident mit seinem Auftritt bei ARD und ZDF noch etwas hätte retten können. Aus meiner Sicht eher nicht: Wulff hat sich neben seiner fehlgeschlagenen Salamitaktik vor allem auf juristische Aspekte zurückgezogen und dabei nicht erkennen wollen, dass es den Menschen um Moral und Vertrauen ging. Und dass genau diese Punkte die Treiber seiner ganz persönlichen Krise waren. Offensichtlich hat in diesem Punkt auch sein politischer Instinkt versagt. Immer weiter, immer weiter ging dann irgendwann nicht mehr weiter. Hajo Schumacher, Publizist und Moderator, hatte noch eine andere These parat: „Wulff passt für mich in eine Reihe mit zu Guttenberg und auch Westerwelle. Alle drei hatten eine hohe Affinität zur Yellow Press. Alle anderen, die die bleiben, finden Sie dort eben nicht mit ihren Privatgeschichten.“ Ein interessanter Blickwinkel.

Insgesamt drehte sich die Diskussion titelgemäß darum, was denn nun gute Krisenkommunikation ausmache. Mein Fazit aus unzähligen Projekten klingt auf den ersten Blick banal: Gute Kommunikation in der Krise hat zunächst einmal mit gesundem Menschenverstand zu tun. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als bewusst einen Perspektivwechsel zuzulassen und den wahren Grund der Krise zu identifizieren. Ist er faktisch, ist er emotional oder ist die Empörung vielleicht nur eine Projektionsfläche für etwas ganz anderes? Hier hat Klaus-Peter Johanssen als Shell-Kommunikator während der Brent Spar-Krise schmerzliche Erfahrungen sammeln müssen: „Der große Fehler war, dass der öffentlich geschürten Erwartung, die Ölplattform nicht zu versenken, durch Shell nicht entsprochen worden ist. Stattdessen haben wir versucht, mit Sachargumenten die Versenkung zu rechtfertigen“. Sein Fazit: „Man darf die operative Verantwortung nicht von der kommunikativen trennen“. Aber nicht nur Politiker und Unternehmer müssen sich den Spiegel vorhalten lassen, auch die Medien selbst. Meinte jedenfalls Hans Jahnke, ehem. stellvertretender Programmchef des ZDF. „Manko und Schönheitsfehler heute: Das Quantum der Medienberichterstattung bestimmt sich nicht aus dem Erfordernis der Sache allein, sondern aus deren Unterhaltsamkeit.“ Und das geht in vielen Fällen, wie auch bei der Causa Wulff, über den reinen Newsfaktor hinaus. „Die Zitrone ist nicht nur ausgequetscht worden, sie hat sogar schon gequietscht.“

Der Podcast des Medienquartetts „Auch wer schweigt, kommuniziert: Öffentlichkeitsarbeit in Krisenzeiten“ befindet sich hier: Link zum Podcast.

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