Hattrick Handelsblatt

Hat das Blatt den besten Riecher oder schießt es die Debeka aus dem medialen Abseits an?

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Kürzlich macht
das Handelsblatt bereit zum dritten Mal innerhalb von zwei Wochen mit dem Adressen-Skandal um den Versicherer Debeka auf. „Bestechend erfolgreich“ (1. November), „Was kostet ein Beamter?“ (5. November) und schließlich „Diener zweier Herren“ (13. November) lauteten die Titelgeschichten. Ohne Frage hat das Düsseldorfer Wirtschaftsblatt hier eine exklusive Geschichte. Und das in mehrerlei Hinsicht: Exklusiv, weil offenbar allein das Handelsblatt Zugang zu internen Informationen und Aussagen ehemaliger Vertriebsmitarbeiter hat. Exklusiv aber auch in dem Sinne, dass sich die anderen meinungsführenden Medien dem Skandal erheblich weniger breit widmen. Viele begnügen sich mit der Rolle des Kommentators des „Hin und Her“ zwischen Debeka und dem Handelsblatt. Auffällig auch: Der Versicherer kann den schnellen Enthüllungen, dem nahezu täglichen nächsten Dreh kaum Schritt halten. Powerplay durch das Handelsblatt. Und das Blatt sorgt dafür, dass ihm die Puste nicht ausgeht: Ein anonymer, verschlüsselter Briefkasten https://handelsblatt-recherche.com ist eingerichtet und fordert zum Weiterleiten brisanter Dokumente auf. WikiLeaks lässt grüßen.

„Wer eine zeitlang Skandal erregt, glaube nicht, dass er die Welt bewegt.“* Die Aufregung des Handelsblatt teilen jedenfalls nicht alle Leitmedien. So begnügt sich die FAZ am Tag nach der dritten Handelsblatt-Titelgeschichte mit einem Zweispalter auf Seite 15, der allein den Bericht des Handelsblatt und die Reaktion der Debeka gegenüberstellt. Weitergehende Recherchen oder Informationen: Fehlanzeige. Auch die Süddeutsche bediente sich hier zuletzt vor allem bei der dpa und offensichtlich kaum eigener Kräfte. Wie lässt sich eine solch unterschiedliche journalistische Bewertung erklären? Mit Tatsachen jedenfalls nicht. Vielmehr greift hier eine eigenartige Wettbewerbslogik. Auf der einen Seite die vornehme Zurückhaltung: „Großes Thema kann nicht sein, was der andere vor mir hatte.“ Auf der anderen der publizistische Stolz: „Was ich vor anderen habe, ist ein großes Thema.“ Zugegeben: Die Erkenntnis, dass auch Medien sich auf einem Markt bewegen und daher eben im Wettbewerb stehen, ist banal. Die Folge einer zunehmenden Skandalisierung auch schon vielfach beklagt. Aber es zeichnet sich doch eine neue Qualität von Ungleichgewichten in der Berichterstattung ab, seit die Investigativteams zum vermeintlichen publizistischen Aushängeschild werden. War es gestern die ermüdend ausgiebige Berichterstattung der Süddeutschen zur BayernLB und Formel 1, ist es eben heute das Handelsblatt zur Debeka. Wer in solche Investigativteams investiert, will die gefühlten und realen Wettbewerbsvorteile hieraus eben voll auskosten. Die Dynamik von Krisen und Skandalen nimmt zu.

Aber es ist nicht nur der Wettbewerb der Blätter, der sich beschleunigt. Vielmehr gewinnen – zumindest öffentlich – die Redakteure des Handelsblatt den Wettlauf um neue Informationen nicht nur gegenüber der Konkurrenz, sondern auch im Vergleich zur internen Aufklärung der Debeka. Falls der eingerichtete elektronische Briefkasten weitere „Whistleblower“ anzieht, werden die Investigativjournalisten im Aufreißen neuer Aspekte und Hinterlegen weiterer Belege weiterhin ein Tempo beibehalten, dem der Versicherer kaum folgen kann. Die Salamitaktik lässt grüßen. Auch knapp zwei Wochen nach der ersten Titelgeschichte des Handelsblatt und dem Geständnis, dass Vertriebsmitarbeiter in den 1980er und 1990er Jahren auf eigene Rechnung Adressen gekauft hätten, bleibt die Assekuranz inhaltlich in der Defensive. Es fehlen Erkenntnisse aus den eingeleiteten „internen und externen Prüfungen“, mit denen den Enthüllungen begegnet werden kann. Stattdessen verharren die Entgegnungen in juristischen Spitzfindigkeiten: „Da die Debeka eine offiziell anerkannte Selbsthilfeeinrichtung des öffentlichen Dienstes auf dem Gebiet der Krankenversicherung ist, dürfen Beamte offen und transparent im Einklang mit § 100 des Bundesbeamtengesetzes als so genannte Tippgeber fungieren. Damit widerspricht die Debeka einem Bericht des Handelsblatts…“ (Pressemitteilung der Debeka, 13. November).

Welche Rechtsauffassung auch immer sich durchsetzt, die juristische Argumentation verstellt den Blick auf den Kern des Problems: Wie offen und transparent wurde tatsächlich mit der Prämienzahlung sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch gegenüber neuen Kunden umgegangen? Und wie systematisch wurden die Adressdaten, auch unter Billigung eines Graubereichs, erworben? Erst wenn diese Fragen aufgeklärt und – wichtiger noch – Konsequenzen gezogen und glaubhafte Schritte für einen „neuen Weg“ kommuniziert werden können, wird die Versicherung in der öffentlichen Wahrnehmung wieder in die Offensive kommen und punkten können. Alles andere sind mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, die schnellen Stürmer des „Gegners“ ins Abseits laufen zu lassen. Am Ausgang des Spiels und dem Urteil der Öffentlichkeit werden diese jedoch kaum etwas ändern.

*Franz von Sales (1567 – 1622), italienischer Ordensgründer der Salesianerinnen, Bischof von Genf, Heiliger

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