Alice Schwarzer: Von Helden und Opfern

Die Steuersünder-CDs liefern uns in diesen Tagen mal wieder den Soundtrack für ein Medien-Drama. In der Hauptrolle: die Feminismus-Ikone Alice Schwarzer. Auch wenn die Tonlage etwas schriller ausfällt als sonst, kommt einem die Melodie doch sehr bekannt vor: Ein bis dahin als moralische Instanz geschätzter Promi stolpert über ein Vergehen, geriert sich nach einigen Windungen und Wendungen schnell als Opfer. Von Reue keine oder kaum eine Spur. Schuld haben wie immer die anderen. Wahlweise die Umstände oder am liebsten die Medien.

Es gibt den vielzitierten Satz von Springer-Chef Mathias Döpfner: „Wer mit der Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“Nun ließe sich viel über Alice Schwarzer und ihr Verhältnis zum größten deutschen Boulevardblatt schreiben; beide verbindet eine lange Geschichte, zuletzt sah es doch sehr nach einem Happy End aus. Nun war es im vorliegenden Fall nicht die Bild, sondern der Spiegel, der zuerst über die jahrzehntelange Steuerhinterziehung von Alice Schwarzer berichtete. Aber das Zitat soll hier ja vielmehr für etwas anderes stehen: den Vorwurf, die Medien schrieben Prominente gezielt herunter.

Für Alice Schwarzer scheint die Sache klar, sie spricht von Rufmord und Persönlichkeitsverletzung. In ihrem Blog raunt sie verschwörerisch: „Zu viele haben in meinem Fall ein Interesse daran. Ein politisches Interesse.“Ihre Kampagne gegen Prostitution, die Kritik der Zeitschrift Emma am Ehegattensplitting, die Kachelmann-Kontroverse –all das hängt für Alice Schwarzer irgendwie mit der Spiegel-Berichterstattung über ihr Steuervergehen zusammen. Sie sieht sich also als Opfer, als politisch Verfolgte. Und auch  das Schweizer Bankkonto führt sie letztendlich auf die Hatz zurück, die seinerzeit in Deutschland gegen sie geführt wurde.

Um im Bilde zu bleiben: Mit ihrem Blog-Beitrag hat Alice Schwarzer selbst den Express-Aufzug nach unten gewählt, ganz ohne Hilfe von Bild und Co. Und sie hat Satz für Satz immer wieder den Knopf betätigt, auf dass sich die Tür endlich schließe. Zu ihrer eigenen Demontage hat die Feminismus-Ikone damit wesentlich selbst beigetragen. Die Medien mussten, wie jetzt geschehen, nur noch über den Vorfall berichten –und das weitere Urteil der Gesellschaft überlassen. Wie schreibt es die taz so schön: „Anonym ist die Steuerflucht kein Thema. Sie wird es aber, wenn Zumwinkel, Hoeneßoder Alice Schwarzer in Sicht sind.“

Besser kann man es kaum sagen. Interessant sind noch die beiden anderen Namen in dieser Aufzählung. Klaus Zumwinkel und Uli Hoeneßgalten lange Zeit als erfolgreiche und vor allem ehrenwerte Manager. Beide waren auf ihre Weise Helden –allerdings Helden, die sich bisweilen doch sehr in der Rolle der moralischen Instanz gefielen. Dass Medien in solchen Fällen gern etwas genauer hinsehen, ist selbstverständlich und auch legitim. Um dem öffentlichen Druck zu entgehen, hatte sich Klaus Zumwinkel seinerzeit für die Variante „Abtauchen“entschieden, Uli Hoeneßwählt eine Strategie, die sich am ehesten mit „öffentlicher Reue und Aushalten“ beschreiben ließe. Den richtigen Weg hat hingegen eine andere gefallene Heldin beschritten: Margot Käßmann. Nachdem ihre Autofahrt unter Alkoholeinfluss 2010 bekannt geworden war, trat sie von ihrem Amt als EKD-Vorsitzende zurück. Sie zog Konsequenzen, anstatt die Opferrolle und die Schuld bei anderen zu suchen. Sie hat die Kurve gekriegt und wird heute wieder als moralische Autorität respektiert. Alice Schwarzer wählt den Angriff nach vorn. Dafür kassiert sie jetzt eine Menge Kritik und Häme. Aber auch das wird sie in ihr Weltbild einordnen.

Der Beitrag ist unter der Rubrik „Talking Heads“ parallel auf www.horizont.net erschienen. Außerdem wurde er auch von der HuffingtonPost.de übernommen.

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