Warum investigativ wieder in ist

BücherregalDeutschland steckt im Enthüllungsfieber: Unternehmen, Marken und Politiker geraten zunehmend unter den Dauerbeschuss von Medien. Ein zentraler Grund: Viele Redaktionen haben ihre Abteilung für Attacke zuletzt deutlich ausgebaut, der investigative Journalismus ist wieder en vogue. Dahinter steckt nicht nur der hehre Aufklärungsanspruch, sondern knallhartes ökonomisches Kalkül. Wer vor allem online als Medium nicht untergehen will, muss mit Content überzeugen. Dazu zählt, exklusive Stories zu produzieren und die Lust der Leser am Skandal zu befriedigen.

Ob dabei allerdings immer journalistischen Kriterien Genüge getan wird, stellt der Kommunikationsberater Klaus Kocks in Frage. In einem Gastbeitrag für den PR Report unterstellt er den Investigativ-Redaktionen, ein Haupteinfallstor für Öffentlichkeitsarbeit zu sein. Gegner, Gescholtene oder Geschasste könnten gezielt Skandale lancieren, um ihren Widersachern zu schaden. Die öffentliche Empörung drohe, zur Ware zu werden, so Kocks.

Kocks These ist natürlich stark zugespitzt und darf zumindest bezweifelt werden. Unbestritten bleibt aber, dass investigative Reportagen und die daraus folgenden Skandale und Shitstorms Likes, Shares und Kommentare en masse erzeugen. Das stärkt die Reputation der beteiligten Medien.

Beispiel Luxemburg-Leaks: Journalisten unter anderem von Le Monde und Guardian oder vom International Consortium of Investigative Journalists haben rund 28.000 Seiten durchforstet, um die umstrittenen Steuerkonstruktionen internationaler Konzerne aufzudecken – und damit mächtig für Wirbel gesorgt. Beteiligt war auch der cross-mediale Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR, der seit Februar 2014 unter Federführung von Georg Mascolo ordentlich mitmischt. Mascolos Truppe hat nicht nur die Luxemburg-Leaks mit enthüllt, sondern auch die Späh-Affäre Operational „Eikonal“ oder das Projekt „Geheimer Krieg“ aufgedeckt. Dabei ist der Rechercheverbund nicht unumstritten – Kritiker mahnen an, dass das investigative Powerhouse durch den Rundfunkbeitrag finanziert würde, und die SZ als Nutznießer davon profitiert.

Aber die Süddeutsche enthüllt auch kontinuierlich in Eigenregie: Über das Blog „Die Recherche“ lässt sie ihre Leser abstimmen, welche Themen in Angriff genommen werden sollen. Aus der Zusammenarbeit mit anderen internationalen Leitmedien entstehen lesenswerte, skandalträchtige und damit aufmerksamkeitsheischende Themen. Jüngstes Beispiel: die Offshore Leaks.

Ob „Welt-Investigativteam“, „Stern investigativ“, das „Zeit Investigativ Ressort“, der „Handelsblatt Recherche-Blog“ oder der „taz Rechercheblog“ – allen Bestrebungen der Medien ist gemein, dass sie ihren Markenkern durch investigative Recherchen stärken und Aufmerksamkeit erzielen wollen. In der Share Economy bleibt ihnen auch gar keine andere Wahl: Was nicht in sozialen Netzwerken oder in Blogs geteilt wird, findet nicht statt. Schon jetzt sind die im Netz produzierten Meinungen ausschlaggebender als die im Fernsehen ausgestrahlten.

logo_small-hiresLohnt sich der Investigativ-Journalismus auch als Geschäftsmodell? Das muss die Zukunft zeigen. Mit Krautreporter ist ein vielversprechendes Projekt gestartet, das sich via Crowdfunding finanziert und Unabhängigkeit verspricht. Die Redaktion – mit immerhin 28 Journalisten – hat sich zum Ziel gesetzt, dem werbefinanzierten Onlinejournalismus den Rücken zu kehren und glaubwürdige Reportagen zu schreiben. Ein echter Scoop war bisher noch nicht dabei – aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Lesetipp: Daniel Drepper über aktuelle investigative Entwicklungen in den USA

Fotocredit: Bild 1, Bild 2

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2 Gedanken zu „Warum investigativ wieder in ist

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