„Sie sind Teil einer Angstindustrie“

BLL vs. FoodwatchVerbandskommunikation ist in der Regel eine sehr spezielle Art der Öffentlichkeitsarbeit. Häufig abwartend, defensiv und wenig progressiv. Schließlich gilt es, keinem Mitglied oder Stakeholder auf den Schlips zu treten. Zu viele Meinungen wollen unter einen Hut gebracht werden. Das führt dann dazu, dass offizielle Verbandskommunikation meist trocken und mutlos daherkommt – es regiert der kleinste gemeinsame Nenner. Was sich allerdings letzten Donnerstag im Handelsblatt Streitgespräch abspielte, hatte eine andere Qualität. Sogar das Wirtschaftsblatt selbst spricht von einer „heftigen Auseinandersetzung“.

Zum Duell angetreten waren Foodwatch-Gründer Thilo Bode und der Cheflobbyist der Lebensmittelindustrie Christoph Minhoff. Und für den Leser war der verbale Schlagabtausch auf in der Tat höchst unterhaltsam. Mit den Fakten nehme es Foodwatch nicht so genau, ging Minhoff gleich zu Beginn in die Offensive. Bode, nicht weniger munter: „Was wir geschafft haben, ist dass Herr Minhoff sich aufregt. Das ist ein gutes Zeichen.“ Die Kontrahenten berührten in ihrem Gespräch viele Themen – von der Kennzeichnungspflicht (Bode sprach von legaler Täuschung, Minhoff vom „Widerspruch in sich“), über Lebensmittelqualität  (Bode: „zu zuckrig, zu salzig zu klebrig“; Minhoff „Es ist eine Rückläufigkeit des Übergewichts festzustellen. Man wundert sich wo die Sorge herkommt“) bis hin zum Werbeverbot (Minhoff „es gibt kaum einen strenger regulierten Markt“; Bode „Wir gehen davon aus, dass wir Kinder schützen müssen“). Den von Foodwatch initiierten Goldenen Windbeutel (mein Beitrag zum Thema) verglich Minhoff gar mit dem Skandal beim Goldenen Engel des ADAC. Kurz: Die Kombattanten schenkten sich nichts. Höhepunkt der Minhoffschen Attacke: „Sie schüren Angst. Sie sind Teil einer Angstindustrie. Ich glaube Ihnen Ihr Engagement nicht, Herr Bode.“

Was das Interview so interessant und letztlich lesenswert macht, hat einen simplen Grund: Anders als bei vergleichbaren Treffen ging der Industrievertreter Minhoff knallhart in die Offensive. Und er blieb praktisch das gesamte Interview dabei – smart, argumentativ sattelfest und schlagfertig. Mehrfach war Bode deutlich in der Defensive, wirkte selbst durch den Filter des geschriebenen Wortes spürbar angefasst. Denn üblicherweise läuft die Sache anders: Der Verbraucherschützer hat sonst die argumentative und emotionale Lufthoheit, während der Verbandsvertreter hauptsächlich in der Defensive ist.

Kommunikativ ist dieses Streitgespräch ein Ausdruck dessen, was sich in einem Wort zusammenfassen lässt: Haltung. Position beziehen und diese auch gegen Widerstände und andere Auffassungen klar machen. Eben nicht einzuknicken, gespickt mit Argumenten für die eigene Sache. Aber auch eine Haltung, die die Positionen des Gegenübers erschüttern kann. Genau diese Art der Haltung hat Christoph Minhoff an den Tag gelegt. Schade nur, dass das Streitgespräch online nicht verfügbar ist. Denn was Catrin Bialek und Hans-Jürgen Jacobs aufgeschrieben haben, ist nicht nur lesenswert. Sondern Pflichtlektüre für alle Verbandschefs, die bisher eher defensiv unterwegs waren. Und nicht nur für die.

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