Rolle rückwärts: ARD – Zero Points.

escBelegt ist das nicht: Aber vielleicht wippten die Macher des Eurovison Song Contestes sogar für einen Moment vergnüglich mit den Füßen – kurz bevor sie Schlagerdeutschland wissen ließen, dass Xavier Naidoo uns in Schweden vertreten soll. Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator des NDR und somit für den ESC verantwortlich, pries den Mannheimer als einen der großen deutschen Sänger an. Einer der nicht nur für Deutschland antreten, sondern auch endlich wieder Punkte einfahren werde. Einer, der für glorreiche Twelve-Points, denn für peinliche Zero-Points stehe.

Inhaltlich alles richtig, doch kaum wurde die Nominierung öffentlich, mutierte die sogenannte Netzgemeinde zu beherzten Fäkalienwerfern. „Homophob“, „Rechter“, „Verschwörungstheoretiker“ waren noch die harmloseren Attribute am digitalen Pranger. Tatsächlich gab Xavier Naidoo „ein paar zugegebenermaßen dämliche Aussagen“ von sich, wie Micky Beisenherz in seinem typisch giftigen Kommentar attestierte. Allerdings sah der Stern Kolumnist in seinem durchaus wohlwollenden Kommentar in Richtung Naidoo den Sänger dafür gar am digitalen Galgen baumeln.

Und was taten in dieser Situation eigentlich diejenigen, die den Sänger nominiert hatten? Herzlich wenig, denn von Unterstützung war weit und breit nichts zu sehen. Beim NDR gab man sich regelrecht erschrocken. Die Wucht habe alle überrascht, es sei falsch eingeschätzt worden. Herrjeh! Und dann äußerte sich auch noch ARD-Programmdirektor Volker Herres, dass einiges von Naidoo nicht gut geheißen werden könne, ja, sogar missbilligt werden müsse. Ein begnadeter Künstler sei er dennoch, was ihn aber nicht zwingend zur Teilnahme am ESC qualifiziere. „So ist das alles sehr unglücklich gelaufen.“ Damit demontierte Herres mal so nebenbei einen der angesehensten deutschen Künstler und schob den schwarzen Peter direkt zurück an Schreiber. Während dessen stand unser Xavier für Deutschland mitten im digitalen Sturm. Nach nur „zwei Tagen, vier Stunden und 55 Minuten“ (Süddeutsche Zeitung) kam die Volte, der Sänger sei nun doch nicht mehr Richtige und damit abgewählt. Angeblich kniffen die Verantwortlichen vor dem Gegröle im Netz und der massiven medialen Kritik. Neuerdings sei aber ein ARD interner Brandbrief für die Rolle rückwärts verantwortlich – das will jedenfalls die BILD herausgefunden haben.

Natürlich wurde in den letzten Jahren in manchmal quälend langen Shows mal mehr, häufig aber weniger passende Bewerber für dieses ganz besondere Amt gesucht – und zwar vom Publikum. Weil man dem offenbar dies nicht mehr zutraute, rationalisierte man das Prozedere flugs weg. Tata, wie aus dem Hut zauberten die Macher Xavier Naidoo und setzten diesen der verdutzten ESC-Gemeinde vor. Jetzt heißt es aber wieder zurück zu Plan B, was nichts anderes bedeutet, dass die Zuschauer nun über den deutschen ESC Kandidaten entscheiden sollen, was ja bei genauerer Betrachtung wohl doch Plan A ist.

Das dies alles ohne Ankündigung, ohne vorherige Kommunikation, ohne Moderation im medialen Desaster enden würde, ist auch für kommunikative Novizen einigermaßen vorhersehbar. Warum aber nach all den peinlichen Pannen der Vergangenheit, man erinnere sich nur an Andreas Kümmert, der 2014 für Deutschland singen sollte, aber nicht wollte, niemand so etwas wie einen kommunikativen Fahrplan parat hatte, bleibt weitgehend schleierhaft.

Am unaufgeregtesten und professionellsten reagierte übrigens Xavier Naidoo selbst. Die ARD sei auf ihn zugekommen, vor Monaten. Er habe reichlich überlegt und zugesagt. „Wenn sich nun kurz nach dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das ok für mich“, so der Sänger weiter. Kein Gekränktsein, kein Aufplustern. Nur das Versprechen, dass seine Leidenschaft für Musik und sein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander nicht gebremst werden. Unterstützung bekommt er von Freunden und Kollegen wie Till Schweiger, Michael Mittermaier oder Andreas Burani. Trotz alledem, es gibt wohl nur Verlierer in diesem unwürdigen Gezerre. Das Traurigste: All der Ärger hätte ganz leicht verhindert werden können. Wenn man ein wenig kommunikativen Weitblick hätte walten lassen.

 

Fotocredit: Vugar Ibadov unter (CC BY-SA 3.0)

 

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