Is‘ was Recep? Der türkische Präsident und der Streisand-Effekt

Erdogan_Karrikatur

Wie fahren eigentlich Bosse, Politiker oder sonstige Person des öffentlichen Lebens am besten, wenn der gemeine Satiriker einen wieder einmal aufs Korn nimmt? Die Antwort ist naheliegend:

Man nimmt es, wenn überhaupt, zur Kenntnis und geht zur Tagesordnung über. Der Tipp ist an sich banal und hat auch nichts mit höherer Kommunikationsarithmethik zu tun. Schließlich gilt nicht erst seit heute: Nur wer ein Thema wirklich befeuern will, regt sich öffentlich darüber auf. Deshalb bleibt es schleierhaft, warum die Reaktion des türkischen Präsidenten so gänzlich unsouverän ausfiel. Vermutlich einfach deshalb, weil er es mit unabhängigem Journalismus einfach nicht so hat.

Und weil die Reaktion so war wie sie war, dürfen die Macher von extra3 stolz wie Bolle sein: Denn schließlich wird nicht jeden Tag ein deutscher Botschafter wegen unliebsamer Satire einbestellt.

Logisch, das extra3 nach der Intervention der Türkei erst richtig auf den Geschmack kam. Die Redaktion legte nach, mit englischen und türkischen Untertiteln für ihr Spaß-Video. Kurzerhand kürten sie Erdogan zum „Mitarbeiter des Monats“. All die schöne Aufmerksamkeit bescherte der Sendung letztlich Rekordquoten und mehr als 5 Millionen Abrufe auf YouTube für das Erdogan-Video. Was für ein Scoop!

Man muss schon lange suchen, um einen eindeutigeren Beweis für den sogenannten Streisand-Effekt zu finden. Benannt ist das Phänomen nach der gleichnamigen US-amerikanischen Entertainerin, die 2003 die Veröffentlichung eines unliebsamen Fotos stoppen wollte und damit erst recht dessen blitzartige Verbreitung im Netz befeuerte. Nach dieser Theorie erhält eine Nachricht durch Intervention mehr Aufmerksamkeit als ohne. Und wenn ein Staatschef wie Erdogan höchst selbst tätig wird, via CNN sogar noch nachlegt — dann ist maximale Aufmerksamkeit garantiert.

Mit dem Streisand-Effekt hat aber auch jener Kommunikator zu kämpfen, der sich mit falscher oder unsauberer Berichterstattung herum schlägt. Gegenhalten, auf Richtig- oder gar Gegendarstellung drängen? Anwälte einschalten? Auch wenn in der Käseglocke der Unternehmen kritische Beiträge für viel Wirbel sorgen und der Kommunikationschef mit Nachdruck aufgefordert wird, jetzt endlich, ja endlich etwas dagegen zu tun, ist es doch oft einfach besser, die Füße stillzuhalten. Nach der Devise: Souveränität & Teflon gehen in solchen Fällen eine symbiotische Einheit ein. Oft ist es doch besser, die Füße still zu halten.

Wie gesagt: Das gilt oft, aber der Einzelfall entscheidet. Ab und an muss man auch die ganz großen Geschützen auffahren, in Richtung Redaktion unnachgiebig sein, hart bleiben und auch zeigen, dass man bereit ist zu kämpfen.

Wie bei Entscheidung Erdogan ausgefallen ist, wissen wir. Und auch das Ergebnis ist bekannt. Damit gibt es einmal mehr einen fast lehrbuchhaften „Case“, um den Streisand-Effekt auch dem beratungsresistentesten Chef näherzubringen.

Update

ZDF zensiert Böhmermann’s Erdogan-Gedicht

Das ZDF hat einen Beitrag von Jan Böhmermann über den türkischen Ministerpösidenten aus seiner Mediathek entfernt. Der Beitrag war in der Sendung „Neo Magazin Royale“ von den Machern selbst als „Schmähkritik“ bezeichnet worden. Bevor allerdings Böhmermann sein Gedicht vortrug, spielte er mit seinem Sidekick Ralf Kabelka virtuos damit, was Satire nun dürfe und was nicht. Als Beispiel, das richtig Stress verursachen könne, rezitierte Bömermann dann sein Erdogan-Poem. Mit der anschleißenden Beteuerung, so etwas nie sagwn. Der Spiegel schreibt in seinem lesenswerten Kommentar dazu: „Ein bisschen erinnerte das an den bigotten Trick von Zeitungen und Zeitschriften, sexistische oder sonstwie anstößige Fotos zu zeigen, versehen mit der Bildunterschrift: „Diese Fotos wollen wir nie mehr sehen.“
Gerade deshalb war das eine clevere Idee und smart in der Umsetzung. Anstatt aber gelassen zu bleiben, reagierte der Sender prompt und verbannte das Stück aus der Mediathek. Es begründete die Zensur damit, dass der Beitrag „nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt“ ensprechen würde. Offenbar fürchteten die Verantwortlichen größeren Ärger.

Böhmermann selbst zeigte sich gewohnt sarkastsich und postete auf Facebook: „Sollte ich bei der gebührenfinanzierten Erfüllung meines pädagogischen Auftrags die Gefühle eines lupenreinen Demokraten verletzt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung.“

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