Die miesepetrige Debatte über Christoph Harting

War das wieder eine schöne Aufregung: Eklat beim Diskuwerfen! Hatte sich doch der frischgebackene Opympiasieger Christoph Harting erdreistet, dem ZDF das Siegerinterview zu verweigern. Angeblich soll er sogar den kumpeligen Handschlag des Reportes ausgeschlagen haben. Unfassbar! Dann auch noch Hartings merkwürdige Performance auf dem Siegerpodest. Herumtänzeln und die Nationalhymne pfeifen. Egoistisch und unsympathisch! Das geht ja wohl gar nicht! Jedenfalls in den Augen der ordnungsliebenden Hypererregten. Wenn man den überbordend kritischen Kommentaren im Netz Glauben schenken wollte, war der Harting Auftritt eine schier unglaubliche Entgleisung. Das Video selbst spricht eine andere Sprache. 

Es dauerte dann auch nur Sekunden bis der Aufschreih über Harting missliebiges Verhalten durchs Netz geisterte und einen miesepetrigen kleingeistigen Shitstorm entfachte. Da waren sie dann wieder in trauter Eintracht versammelt – die selig Empörten, die immer ganz genau wissen, wie man etwas zu machen hat. Auch wenn von denen kaum einer je nur in die Nähe einer olympischen Medaille gekommen ist. Micky Beisenherz hat dafür das schöne Wort „Besserleber“ erfunden. 

Parallel stürzte sich prompt auch die versammelte Medienschar auf die  Anomalie. „Hampelmann-Auftritt“ nennt es BILD. Die WELT titelt „Arrogant und peinlich“ – wobei es die Tageszeitung geflisstentlich unterlässt, Unterstützer von Harting zu Wort kommen zu lassen. Die gibt es aber zuhauf. Idriss Gonschinska beispielsweise, immerhin der Cheftrainer der Leichtathleten, sagt „Wir haben immer darauf Wert gelegt, die Unterschiedlichkeit und die Stärken der Athleten zu fördern.“ In Beisenherz-Sprech ist das: „Wir wollen Zlatan – aber haben gerade mal die Nerven für Reus.“

Und so steht plötzlich nicht mehr die grandiose Leistung von Christoph Harting im Mittelpunkt, sondern das ganze Mimikri drum herum. Aus einer journalistischen Perspektive vielleicht gerade noch verständlich, ist der scharfe und zurechtweisende Ton aber doch verwunderlich. „Der Mann hat G.O.L.D. geholt, freut euch doch einfach mal!“,  will man den ganzen So-ist-das-richtige-Protokoll-Schlaumeiern zurufen. 

Aber auch Harting hat nicht wirklich dazu beigetragen, die Situation zu verbessern. Die Hemmschwelle, ihn als Egeozentriker, Unsymphaten, Hampelmann abzustempeln, war niedrig. Als der Diskuswerfer in der Olympia-Pressekonferenz die Chance dazu hatte, verstolperte er sich erneut. Klar, Harting ist zuallererst Sportler und keine mediale Person. Aber selbst für die Randsportart Diskus gilt das nur bis VOR dem Olympiasieg. Danach greift die Medienmaschinerie – eingespielt und mit voller Wucht. Wenn dann einer nicht mitspielen will, bekommt er es zu spüren, im Zweifel heftig. Es ist schlicht blauäugig, sich das nicht wenigstens ansatzweise vorher klarzumachen. 

So nimmt das ganze Theater kommunikativ seinen gewohnten Lauf: Eklat – Social Media Erregung – breite Berichterstattung  – Erregung über die Berichterstattung – Entschuldigung des Protagonisten. Am Ende ist es wirklich schade, dass der ganze mediale Zirkus den großartigen Olympiasieg von Christoph Harting überstrahlt. Und das ist nun wirklich falsch.

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3 Gedanken zu „Die miesepetrige Debatte über Christoph Harting

  1. Voller Freude klickte ich, als ich die ersten Kommentare aus dem Augenwinkel sah, auf das „Skandalvideo“ – und fragte mich, wann denn der Eklat kommen mag. Und dann war es auf einmal zu Ende. Also regten sich wirklich Leute auf, weil er nicht stramm stand? Sondern sympathisch und natürlich war? Und wissen so wenig über introvertierte Menschen, dass sie es lächerlich finden, dass ein introvertierter Mensch auf einer Bühne rumhampelt? Ach, ja. Nämlich.

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