Techniker Krankenkasse: Sonntägliche Beichte über Mauscheleien

 

Der Zeitpunkt war offenkundig mit Bedacht gewählt. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), nutzte das Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), um die sprichwörtliche Bombe platzen zu lassen. Sein überraschendes Geständnis: Kassen und Ärzte machen Patienten auf dem Papier kränker als sie es wirklich sind. Und kassieren dafür ordentlich ab. Schummeln nennt der TK-Boss das. Milliarden Kosten soll die Abrechnungspraxis bisher verursacht haben. Aus der Diagnose einer depressiven Stimmung wird da mal eben eine ausgewachsene Depression. Das bringt jährlich 1000 Euro mehr – pro Fall. Entstanden sei laut Baas ein System, ja sogar ein Wettbewerb. Krankenkassen, auch seine eigene, würden Prämien von zehn Euro zahlen für Ärzte, die auf dem Papier anstatt der richtigen eine schwerwiegendere Diagnose stellen. Die Branche nennt das schönfärberisch „Upcoding“. Sind die vermutlich illegalen Methoden bisher niemandem aufgefallen? „Das Bundesversicherungsamt und die Landesaufsichten sehen das ganz unterschiedlich und agieren nicht einheitlich.“, sagt der TK-Chef dazu etwas wolkig im FAS-Interview.

Die sonntägliche, öffentliche Beichte brachte vorhersehbar die bundesdeutschen Medien in Wallung. Wobei diese für den Moment nur mit dem FAS-Interview arbeiten konnten. Was ganz im Sinne der Techniker Krankenkasse gewesen sein dürfte, wurden doch die Aussagen vielfach 1:1 zitiert, die Tonalität damit durch die TK gesetzt. Professionelle Medienarbeit eben. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, warum Baas diese gezielte Grenzüberschreitung wagte. Denn der Chef der Techniker Krankenkasse ist nicht irgend jemand. Er steht der größten gesetzlichen Krankenversicherung mit knapp 10 Millionen Versicherten vor. Sein Wort hat Gewicht, er wird nicht nur innerhalb der Branche sondern auch von Medien und Politik gehört. Warum also diese „Nestbeschmutzung“? Und das nicht unerhebliche Risiko, des Betrugs bezichtigt und Ermittlungen auch gegen die eigene Krankenkasse zu ermöglichen? Letzteres wird Baas mit seinen Juristen vorgeprüft und in der Konsequenz als relativ geringe Gefahr eingestuft haben. Alles andere wäre fahrlässig und strategisch kurzsichtig. Bleibt der Blick zum Wettbewerb. Hier sieht sich Baas in Bezug auf die regionalen Krankenkassen massiv benachteiligt. Wobei mit dem Synonym „regionale Krankenkassen“ die örtlichen AOK’s gemeint sein dürften. Diese würden in 2016 voraussichtlich eine Milliarde Euro mehr bekommen als sie tatsächlich benötigten. Während die Ersatzkassen wie die TK rund 700 Millionen Euro weniger erhielten, als sie tatsächlich bezahlen müssten. „Das hat mit gesundem Wettbewerb nichts zu tun.“, gibt der Topmanager zu Protokoll.

So scheint das Eingeständnis weniger ethisch-moralischen Überlegungen zu folgen, auch wenn diese im Interview durchaus anklingen. Vielmehr will die Beichte mutmaßlich die Diskussion über die Millardenverschwendung entfachen. Um damit gleichzeitig eine gezielte Attacke auf Wettbewerber, namentlich die regionalen Krankenkassen, zu reiten. Mit dem erheblichen Risiko, der Techniker Krankenkasse einen ordentlichen Reputationsschaden einzuhandeln. Bleibt abzuwarten, ob diese gewagte Strategie wirklich aufgeht.

 

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