Lanze für Lanz. Oder: Warum die Haltung in Krisensituationen entscheidend ist

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Kaum ein Entertainer musste im letzten Jahr im deutschen Fernsehen so viel Kritik einstecken wie Markus Lanz. Seit er im Oktober 2012 den Moderatorposten bei „Wetten das…?“ übernahm, scheint er das neue Lieblingshassobjekt der Medien zu sein. Zumindest sieht er selbst das so.

Kürzlich hat Lanz ein interessantes Stern-Interview gegeben, in dem er sich massiv über Online-Medien und deren rastlose Gier nach Klicks beschwerte. Aber vor allem erzählt er davon, warum er sich das alles antut und wie sein Verhältnis zum Fernsehen, seiner Heimat, zu den Zuschauern und den Medien an sich ist. Was dann selbst dem hartgesottenen Stern-Journalisten Arno Luik das Prädikat „Nehmerqualitäten“ abringt. Der Stern wäre nicht der Stern, wenn er nicht gleich nach dem Interview und kurz nach der letzten Sendung von „Wetten dass…?“ eine Online-Umfrage gestartet hätte. Zu beantworten war: Hat Markus Lanz recht damit, dass die Kritik an ihm überzogen ist? Die Kritiken zur Sendung waren wie überwiegend mies und so fällt das Urteil der User so eindeutig wie katastrophal aus. „Danke, sechs, setzen“ titelt stern.de. Als ob das für Lanz nicht schon alles kritisch genug wäre, geht es aktuell munter weiter. Mit dem Rassismus Vorwurf wird die nächste mediale Sau durchs Dorf getrieben.

Aus der Sicht eines Kommunikationsprofis ist das Stern-Interview dennoch eines, was man lesen sollte – ob man mit Lanz nun sympathisiert oder nicht. Denn er verkörpert in diesem, was vielen Managern in kritischen Situationen abgeht: Haltung. Er steht zu dem, was er tut und macht seine Beweggründe deutlich. Warum ist das in einer Krise wichtig? Immer wieder eskalieren Situationen kommunikativ, weil zu einem spezifischen Problem die eigene Position eben nicht definiert wurde. Zu oft werden Argumente und Botschaften  hektisch zusammengestoppelt und sind dann inkonsistent. Oder: Es werden Worthülsen gesendet, hinter denen keine klare Haltung zu erkennen ist. Das wird schnell als unglaubwürdig entlarvt.

Wenn man in Krisensituationen über Haltung spricht, geht es nicht darum, dass alle Informationen vorliegen und diese sorgfältig präsentiert werden. Das ist oft auch gar nicht möglich. Es geht vielmehr um die eigenen Botschaften, die man selbst senden will. Lanz macht das perfekt und packt es auch noch in einen knackigen Satz: „Ich fühle mich als Glücksschwein“. Und untermauert es im Interview  mit Argumenten. Die eigenen Haltung stärkt ihn dann auch in der Auseinandersetzung mit Kritikern. „Wenn der Shitstorm kommt, müssen Sie in der Lage sein, gedanklich einfach mal die Spülung zu drücken.“ Diese Empfehlung können Unternehmen getrost übernehmen – als wertvollen und kostenlosen Ratschlag für schwierige Situationen im Netz. Denn: Von solcher Gelassenheit sind die meisten Unternehmen in Krisen meilenweit entfernt.

Natürlich entscheidet der Aspekt „Haltung“ nicht allein über den kommunikativen Verlauf einer kritischen Situation, aber er die Basis für (fast) alles, was dann in Statements, Pressemitteilungen und eigenen Veröffentlichungen folgt. Auch wenn es paradox klingt: Man muss man sich genau an dieser Stelle Zeit nehmen und die eigene Position erarbeiten. Das bringt am Ende nur mehr Tempo und spart  im weiteren Verlauf einer Krise dann wieder Zeit. Es schafft letztlich auch Sicherheit.

Werbeanzeigen

Thailand Werbung: Rausgeschmissenes Geld

Manchmal ist es einfach zu dumm: Da investiert man viel Mühen und Geld in das Marketing eines Produktes und am Ende? Alles für die Katz. Ganz einfach weil eine massive Krise dazwischen kommt und alle schönen Marketinganstrengungen zunichte macht. So gerade geschehen bei der Imagekampagne von Modern Thailand.

Die aktuellen Werbemotive wollen den Deutschen das Land schmackhaft machen, zu Reisen animieren – mit großformatigen und großartig inszenierten Motiven von Traumstränden oder buntem Treiben auf thailändischen Märkten. Gekleckert wird dabei nicht, die Motive sind auf ganzseitigen Anzeigen in überregionalen Medien wie der Süddeutschen, dem Handelsblatt und der FAZ zu sehen. Soweit so schön.

Leider nicht gut für die Macher: Praktisch direkt neben den Anzeigen wurde nicht selten ausführlich, meist kritisch und auch reichlich bebildert über die Unruhen und Demonstrationen in Thailand berichtet. Auch darüber, dass Buchungen schon massiv eingebrochen sein sollen. Zwar rät das Auswärtige Amt nicht generell von einer Reise ab, dennoch sollte man „jegliche Menschenansammlungen im Bangkoker Stadtgebiet meiden“. Medienberichten zu folge haben Reiseveranstalter auch „Thailand-Packages“ vom Markt genommen. Nicht gerade das ideale mediale Umfeld, um mittels Marketing Touristen in sein Land zu locken.

Was also tun? Der gesunde Menschenverstand sagt einem, die Kampagne sofort zu stoppen. Und erst dann wieder zu starten, wenn die Zeit dafür reif ist. Wenn also der Widerspruch zwischen dem Bild, welches die Anzeigen vermitteln sollen, und der Realität aufgelöst ist. Wenn die paradiesischen Zustände eben nicht mehr nur vorgegaukelt werden. Natürlich ist es schwierig, einmal eingebuchte Medialeistungen und damit die Werbemotive zu schieben oder gar zurückzuziehen – auch und gerade wenn man eine internationale Kampagne fährt. Aber unmöglich ist das nicht. Aktuell wird die Wirksamkeit der Kampagne wohl gegen Null gehen. Was nichts anderes bedeutet, als dass man das Geld gerade in weitem Bogen zum Fenster hinaus wirft. Und das ist schade, sowohl für die Kampagne als auch für das Land selbst.

PS: Der Horizont berichtet über das Thema hier: http://www.horizont.net/aktuell/marketing/pages/protected/Das-ist-rausgeworfenes-Geld-Krisen-Experte-Popp-zu-Thailands-Imagekampagne_118149.html

Hattrick Handelsblatt

Hat das Blatt den besten Riecher oder schießt es die Debeka aus dem medialen Abseits an?

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Kürzlich macht
das Handelsblatt bereit zum dritten Mal innerhalb von zwei Wochen mit dem Adressen-Skandal um den Versicherer Debeka auf. „Bestechend erfolgreich“ (1. November), „Was kostet ein Beamter?“ (5. November) und schließlich „Diener zweier Herren“ (13. November) lauteten die Titelgeschichten. Ohne Frage hat das Düsseldorfer Wirtschaftsblatt hier eine exklusive Geschichte. Und das in mehrerlei Hinsicht: Exklusiv, weil offenbar allein das Handelsblatt Zugang zu internen Informationen und Aussagen ehemaliger Vertriebsmitarbeiter hat. Exklusiv aber auch in dem Sinne, dass sich die anderen meinungsführenden Medien dem Skandal erheblich weniger breit widmen. Viele begnügen sich mit der Rolle des Kommentators des „Hin und Her“ zwischen Debeka und dem Handelsblatt. Auffällig auch: Der Versicherer kann den schnellen Enthüllungen, dem nahezu täglichen nächsten Dreh kaum Schritt halten. Powerplay durch das Handelsblatt. Und das Blatt sorgt dafür, dass ihm die Puste nicht ausgeht: Ein anonymer, verschlüsselter Briefkasten https://handelsblatt-recherche.com ist eingerichtet und fordert zum Weiterleiten brisanter Dokumente auf. WikiLeaks lässt grüßen.

„Wer eine zeitlang Skandal erregt, glaube nicht, dass er die Welt bewegt.“* Die Aufregung des Handelsblatt teilen jedenfalls nicht alle Leitmedien. So begnügt sich die FAZ am Tag nach der dritten Handelsblatt-Titelgeschichte mit einem Zweispalter auf Seite 15, der allein den Bericht des Handelsblatt und die Reaktion der Debeka gegenüberstellt. Weitergehende Recherchen oder Informationen: Fehlanzeige. Auch die Süddeutsche bediente sich hier zuletzt vor allem bei der dpa und offensichtlich kaum eigener Kräfte. Wie lässt sich eine solch unterschiedliche journalistische Bewertung erklären? Mit Tatsachen jedenfalls nicht. Vielmehr greift hier eine eigenartige Wettbewerbslogik. Auf der einen Seite die vornehme Zurückhaltung: „Großes Thema kann nicht sein, was der andere vor mir hatte.“ Auf der anderen der publizistische Stolz: „Was ich vor anderen habe, ist ein großes Thema.“ Zugegeben: Die Erkenntnis, dass auch Medien sich auf einem Markt bewegen und daher eben im Wettbewerb stehen, ist banal. Die Folge einer zunehmenden Skandalisierung auch schon vielfach beklagt. Aber es zeichnet sich doch eine neue Qualität von Ungleichgewichten in der Berichterstattung ab, seit die Investigativteams zum vermeintlichen publizistischen Aushängeschild werden. War es gestern die ermüdend ausgiebige Berichterstattung der Süddeutschen zur BayernLB und Formel 1, ist es eben heute das Handelsblatt zur Debeka. Wer in solche Investigativteams investiert, will die gefühlten und realen Wettbewerbsvorteile hieraus eben voll auskosten. Die Dynamik von Krisen und Skandalen nimmt zu.

Aber es ist nicht nur der Wettbewerb der Blätter, der sich beschleunigt. Vielmehr gewinnen – zumindest öffentlich – die Redakteure des Handelsblatt den Wettlauf um neue Informationen nicht nur gegenüber der Konkurrenz, sondern auch im Vergleich zur internen Aufklärung der Debeka. Falls der eingerichtete elektronische Briefkasten weitere „Whistleblower“ anzieht, werden die Investigativjournalisten im Aufreißen neuer Aspekte und Hinterlegen weiterer Belege weiterhin ein Tempo beibehalten, dem der Versicherer kaum folgen kann. Die Salamitaktik lässt grüßen. Auch knapp zwei Wochen nach der ersten Titelgeschichte des Handelsblatt und dem Geständnis, dass Vertriebsmitarbeiter in den 1980er und 1990er Jahren auf eigene Rechnung Adressen gekauft hätten, bleibt die Assekuranz inhaltlich in der Defensive. Es fehlen Erkenntnisse aus den eingeleiteten „internen und externen Prüfungen“, mit denen den Enthüllungen begegnet werden kann. Stattdessen verharren die Entgegnungen in juristischen Spitzfindigkeiten: „Da die Debeka eine offiziell anerkannte Selbsthilfeeinrichtung des öffentlichen Dienstes auf dem Gebiet der Krankenversicherung ist, dürfen Beamte offen und transparent im Einklang mit § 100 des Bundesbeamtengesetzes als so genannte Tippgeber fungieren. Damit widerspricht die Debeka einem Bericht des Handelsblatts…“ (Pressemitteilung der Debeka, 13. November).

Welche Rechtsauffassung auch immer sich durchsetzt, die juristische Argumentation verstellt den Blick auf den Kern des Problems: Wie offen und transparent wurde tatsächlich mit der Prämienzahlung sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch gegenüber neuen Kunden umgegangen? Und wie systematisch wurden die Adressdaten, auch unter Billigung eines Graubereichs, erworben? Erst wenn diese Fragen aufgeklärt und – wichtiger noch – Konsequenzen gezogen und glaubhafte Schritte für einen „neuen Weg“ kommuniziert werden können, wird die Versicherung in der öffentlichen Wahrnehmung wieder in die Offensive kommen und punkten können. Alles andere sind mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, die schnellen Stürmer des „Gegners“ ins Abseits laufen zu lassen. Am Ausgang des Spiels und dem Urteil der Öffentlichkeit werden diese jedoch kaum etwas ändern.

*Franz von Sales (1567 – 1622), italienischer Ordensgründer der Salesianerinnen, Bischof von Genf, Heiliger

Legende zum Fremdschämen

Früher beherrschte er die Tennisplätze dieser Welt. Ein Held, ein Sport-Ass, ja ein Vorbild. Heute irrlichtert die einstige Legende nur noch durch die Medien, vorzugsweise im Boulevard – und hat wohl den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst.

Screenshot SPIEGEL.de

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Die Rede ist von „Bumm-Bumm-Boris“, „Bobbele“ oder „#TheBorisBecker“, wie er sich bei Twitter nennt. Dort hat die Tennislegende rund 300.000 Follower – und die schauen fasziniert zu, wie er sich tagtäglich selbst demontiert (z.B. SPIEGEL,  MOPO). Man ist erstaunt und möchte sich fast zwicken, ob das alles gerade wirklich passiert. Denn Selbstachtung und Stil sind offenbar Kategorien, die eine untergeordnete Bedeutung haben – in der Tragödie, die hier gerade gegeben wird.

Becker postet Bilder vom Wohlstandsbauch, posiert vor teuren Sportwagen, lobt freizügige Modelfotos oder giftet gegen andere Prominente wie Raab und Pocher. Auf Twitter preist er auch seine Biografie an, die der STERN mit den Worten „vom strahlenden Tennishelden zum Jammerlappen“ beschreibt. Der TAGESSPIEGEL ätzt „Boris Becker – ein Leben als Seifenoper“.

Screenshot Spiegel.de

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Den traurigen Höhepunkt der eigenen Demontage bildet zweifelsfrei der Auftritt in der Oliver Pocher Show. Die stets um Balance bemühte dpa beschreibt die Situation so: „Becker wirkt wie ein alter Gladiator, der gezwungen ist, noch einmal im Zirkus einzuziehen. Aber man stellt ihm keinen Kämpfer gegenüber, sondern nur einen Clown.“

Trotzdem sind sich die medialen Kommentatoren am Spielfeldrand uneinig. Ist Becker nun endgültig durchgeknallt, total verarmt oder einfach nur verzweifelt? Ist das Demontage oder Wandel? Vernichtet sich da ein Idol oder erfindet es sich etwa neu – so wie es andere Stars auch ständig tun? Auch wenn die negative Berichterstattung einem medialen Tsunami gleichkam, schwingt in so manchem Kommentar Bewunderung mit: „Eins ist unstrittig: Boris Becker schafft es auch 14 Jahre nach seinem Karriereende immer noch in die Schlagzeilen“ findet FOCUS.de nach der Buchpremiere. „Als Entertainer ist er eine Wucht“ kommentiert WELT.de den Auftritt in der Pocher-Show und defniert damit gleichfalls die neue mögliche Rolle von Boris Becker. Jetzt also „Entertainer“, nachdem es für ihn als „Geschäftsmann“ nicht geklappt hat: „Verzockt! Die bittere Wahrheit über den Geschäftsmann Boris Becker“ titelte der FOCUS.

Vielleicht geht es so: Becker sollte sein eigenes Medium werden, quasi seine eigene „Yellow Press“, mit der Hauptabteilung Trash. Er besitzt mit Twitter, Facebook und Instagram einigermaßen reichweitenstarke Distributionskanäle. Er hat, nein besser, er ist der Content. Er liefert zuverlässig in Text- Bild- und Videoformaten. Er hat hunderttausende treue Leser. Vielleicht lassen sich diese auf sogar auf Online-Bezahlmodelle ein à la „schalte jetzt deinen Premium-Account frei und lies, wen Boris gerade auf der WM VIP Tribüne in Brasilien trifft“. Oder noch besser: „Jetzt ist die Chance, dort (günstig) Werbung zu schalten“. Vielleicht heißt es also bald wieder: „Vorteil Becker“. Hört sich irgendwie gut an, klingt ironisch und auch falsch. So gesehen geht es mir wie so vielen, die teils belustigt, teils fremdschämend, darauf hoffen, dass das einstige Tennisidol doch noch in Würde abtritt. Aber dem steht wohl vor allem einer im Weg: Becker selbst.

Stuttgart 21 der Katholischen Kirche

Screenshot Spiegel.de

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Ein Bauvorhaben, das um ein Vielfaches mehr kostet als geplant. Ein Bauherr, der sich in Widersprüche verstrickt. Kontrolleure, die nicht richtig kontrollieren. Bürger, die aufbegehren. Heiner Geißler, der sich äußert. Stuttgart 21? Nein, Limburg 2013.

Der Papst hat entschieden: Der umstrittene Bauherr, Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, darf vorläufig nicht in sein Bistum zurückkehren, der designierte neue Generalvikar Wolfgang Rösch soll die Leitung übernehmen. Jetzt beginnt der „Kampf um die Deutungshoheit“, so die WELT. Hat der in der Kritik stehende Bischof mit seinem vermeintlich cleveren Schachzug, nach Rom zu gehen und den vielzitierten „Gang nach Canossa“ anzutreten, gewonnen? Oder hält sich der Papst mit der vorübergehenden Suspendierung nur den nächsten Schritt offen? Beides scheint möglich, Kommentatoren sind uneins und ringen um die Sicht der Dinge.

Angefangen hatte alles, als 2013 die Kosten für den um- und neugestalteten Bischofssitz in Limburg, ein mehrteiliges Gebäudeensemble auf dem Limburger Domhügel, in schwindelerregende Höhen von  31 Millionen Euro schossen. Noch 2010 war von rund 5 Millionen die Rede. Brisant, denn im gleichen Jahr „in dem er seinen Protzbau begann, verordnete er seinem Bistum den Kurs ‚Sparen und erneuern’. Aus angeblichem Geldmangel ließ er die Zahl von Gemeinden, Messen und Seelsorgern zusammenstreichen“, schreibt der SPIEGEL.

Tebartz van Elst_Oldtimer

Screenshot theguardian.com

Screenshot bild.de

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Wasser predigen und Wein trinken – und wenn es rauskommt, alles verschleiern. Auf diesen Vorwurf haben sich die Medien bei Tebartz-van Elst eingeschossen. Und ziehen genüsslich jeden noch so kleinen Fehltritt aus dem Hut. Ob nun der Bischof in den luxuriösen Oldtimer einsteigt oder die First Class Reisegepflogenheiten thematisiert werden. Hinzu kommt: Der aktuelle Papst steht für eine Kirche ohne Protz und Prunk. Ein dem Luxus zugewandter Bischof passt da so gar nicht mehr zur „Corporate Identity“. Das haben auch die Medien erkannt und inszenieren die beiden bewusst als Gegenspieler, den Bischof im teuren Oldtimer, den Papst im Kleinwagen.

Screenshot rhein-zeitung.de

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„Luxushirte“ und „Limburger Lügenbischof“ (spiegel.de), „Protzbischof“ (bild.de), „Prassprediger“ (focus.de) – so wird Tebartz-van Elst betitelt. Längst hat er auch im Bistum die Unterstützung seiner Bediensteten und Gläubigen verloren, die ihren Unmut wiederum in den Medien kundtun, z.B. mit einer Menschkette, Gesprächen mit der Presse, siehe hier, oder mit einem offenen Brief

Die Veröffentlichungen haben ein Ausmaß erreicht, das an die mediale Jagd auf den ehemaligen Bundespräsidenten Wulf erinnert. „Die Zitrone wurde nicht nur ausgequetscht, sie hat sogar schon gequietscht“, meinte Hans Jahnke, ehem. stellvertretender Programmchef des ZDF damals im Deutschlandradio dazu. Und weiter: „Das Quantum der Medienberichterstattung bestimmt sich nicht aus dem Erfordernis der Sache allein, sondern aus deren Unterhaltsamkeit.“ Das trifft es auch ziemlich genau im Fall Tebartz-van Elst.

Al dente: Spot und Häme für Barilla

Ein Abgeordneter des italienischen Parlaments ruft zum Boykott der Nationalpasta auf. Sein Aufruf ist nur das i-Tüpfelchen auf dem Berg der Empörung, den Aktivisten und tausende Verbraucher in den sozialen Medien unter #boicottabarilla aufgetürmt haben. Italiener, die italienische Pasta boykottieren?

Screenshot focus.de

Screenshot focus.de

Der Abgeordnete heißt Alessandro Zan. Er sitzt nicht nur für die linke SEL (sinistra ecologica liberta) Partei im Abgeordne-tenhaus, sondern ist auch Aktivist für die Rechte Homosexueller. Sein Gegenspieler in dieser Geschichte ist Guido Barilla, Chef der gleichnamigen Pastamarke. Der hatte in einem Interview mit dem italienischen Radio 24 (hier der Link zur Orginalsendung) deutlich gemacht, wofür seine Marke steht, nämlich für Tradition und Familie. Dies spiegele sich auch in der Werbung für die Marke wieder, wo ein „klassisches“ Familienbild durch die Konstellation Mutter-Vater-Kind, die gemeinsam Barilla Produkte genießen, inszeniert wird. Bis hierhin soweit so konservativ und vom Prinzip okay. Auf Nachfragen ließ Guido Barilla sich aber zu einem Statement mit Sprengkraft hinreißen: Das traditionelle Familienbild schließe homosexuelle Paare aus, ein Homo-Paar in einer Barilla-Werbung sei unvorstellbar. Er sei auch gegen ein Adoptivrecht für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Wem das nicht passe, solle eben zu einer anderen Marke greifen.

Aus traditionellen Rigatoni werden satirische „Bigotoni“, Screenshot stern.de, Orginalquelle: https://twitter.com/OvidPerl/

Aus traditionellen Rigatoni werden satirische „Bigotoni“, Screenshot stern.de, Orginalquelle: twitter.com/OvidPerl/

Rumms! Nicht nur, dass der Barilla-Chef seine erzkonservative Meinung medial kundtat. Nein, er verknüpfte auch gleich noch seine Meinung direkt mit seiner Marke. Und noch bevor überhaupt jemand „Boykott“ schreien konnte, forderte er Konsumenten genau dazu auf. Nun kann man darüber spekulieren, ob Barilla Konsumenten einfach nicht mehr nötig hat. Oder ob Guido Barilla einfach nicht wusste, was er tat. Im Fußball würde man jedenfalls sagen: Steilvorlage in den eigenen Strafraum. Der Sturm der Gegner jedenfalls war hellwach. Unter dem Hashtag #boicottabarilla tobte die Entrüstung der Verbraucher durch die sozialen Medien, angeheizt von Aktivisten für die Gleichstellung Gleichgeschlecht-licher und flankiert von massiver Negativ-berichterstattung (hier zum Beispiel bei HuffPost live). In Deutschland spricht der Stern von einem „PR Desaster“, der Focus nennt es „Häme und Spott“. Man hatte zwischendurch das Gefühl, halb Europa regt sich wahlweise auf oder macht sich lustig.

An diesem Beispiel lässt sich schön ablesen, wie sensibel, schnell und massiv Verbraucher auf die Äußerungen von Unternehmen reagieren. Barilla sieht dadurch nicht mehr „traditionell“, sondern ziemlich alt aus. Gerade weil in diesem Fall verbal nicht mit dem Florett gefochten wurde, wird die Krise vermutlich doch Auswirkungen auf den Abverkauf haben. Oder salopp gesagt: ein zehn Sekunden Interview kann schon mal ein paar Millionen kosten und die über Jahrzehnte aufgebaute Reputation zerstören.

Screenshot Twitter.com/Barilla

Screenshot Twitter.com/Barilla

Screenshot facebook.com/BarillaUS

Screenshot facebook.com/BarillaUS

Bleibt abzuwarten, wie der Pastamacher die Krise nun aufarbeitet. Die Entschuldigungen über Twitter (hier der Link zum offiziellen Twitterkanal von Barilla) oder auf der US facebook Seite von Barilla (hier) dürften nicht ausreichen, um wieder in normales Fahrwasser zu kommen.

Verbraucher haben wenig Vertrauen in Qualität von Lebensmitteln

In Studie „Food 2020“ geben die Deutschen der Lebensmittelindustrie schlechte Noten in Sachen Transparenz // Relevanz von Marken für die Kaufentscheidung sinkt // Food e-Vangelists verändern die Branche

Nur ein Viertel aller Deutschen vertraut darauf, dass Lebensmittel sicher und gut für ihre Familien sind. Die deutschen Konsumenten zeigen sich damit deutlich stärker verunsichert als Verbraucher in anderen Ländern. Vor allem eine bessere Kommunikation seitens der Lebensmittelhersteller und -verarbeiter würde das Verbrauchervertrauen stärken, so die Ergebnisse der aktuellen Studie „Food 2020“ von Ketchum Pleon.

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Umfangreiche Infos und weitere Daten findet man hier:

http://www.foodfunk.de/themen/food-beverage/food-2020-studie-deutsche-konsumenten-verunsichert/