HeidelbergCement: Es hat niemand die Absicht eine Mauer zu bauen

Dieser Beitrag ist zuerst auf www.pressesprecher.com erschienen.

Vielleicht war beim Verkünden der Quartalszahlen einfach zu wenig los. Oder aber Bernd Scheifele, Chef des deutschen Dax-Konzerns HeidelbergCement, langweilte der ewig gleiche, leicht fade Rhythmus aus Zahlenkolonnen. Möglicherweise überlegte er auch, wie man für das Q3-Ergebnis spontan doch mehr Aufmerksamkeit fürs Zementgeschäft erzielen könne.

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Was auch immer den Boss von HeidelbergCement umtrieb, ausgerechnet am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, vom Bau einer Mauer zu schwadronieren – es funktionierte. Und so ließ Bernd Scheifeles die Öffentlichkeit an seinem visionären Tagtraum teilhaben. Der wiederum hat mit keinem geringeren als Donald Trump zu tun: Falls eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut werden würde, werde sie „nicht aus Holz gebaut, sondern aus Zement“, frohlockte der Konzernchef. Und bei einer Mexiko-Mauer „wären wir in Texas und Arizona nicht schlecht bedient“, man habe dort schließlich eigene Zementwerke.

Leider waren die Menschen da draußen nicht ganz so verständnisvoll wie erhofft. Vielleicht konnten sie auch einfach die unbändige Vorfreude eines Betonherstellers über eine dermaßen einzigartige Geschäftsgelegenheit nicht begreifen. Denn entgeistert über den, für viele Deutschen wohl eher geschmacklosen Gedankengang, stürzten sich Medien und Netzgemeinde auf das schmissige Zitat. „Endlich mal wieder eine große Mauer“, ätzte das Manager Magazin. Die taz meinte, dass „ein solch gigantisches Geschäft nichts ist, was sich Scheifele – etwa aus moralischen Gründen – entgehen lassen würde.“ In der Kolumne „Brief der Woche“ schreibt SWR-Redakteur Jan Seidel an den „lieben Bernd“ und bestärkt ihn in seinem Vorhaben, denn „Wer könnte besser eine lange, hohe Mauer zwischen zwei Staaten bauen als wir Deutsche?“ Zynismus pur. Auch die IG Bau meinte sich äußern zu müssen. Ihr Vorsitzenden Robert Feiger ließ sich per Nachrichtenagentur zitieren: „Nicht alles, was für ihr Unternehmen Umsatz verspricht, ist legitim. Es gibt rote Linien.“

Selbstredend war der Aufruhr in den sozialen Netzwerken ebenfalls groß. Beschämung, Unverständnis, Hohn und Spott allerorten. „Willkommen in Trumpworld: Wenn normale Nachrichten sich wie Satire anhören“, war in einem Tweet zu lesen. Oder „Keine Ente von Der Postillion: Endlich mal wieder eine große Mauer.“ Ein anderer Nutzer brachte es so auf den Punkt: „HeidelbergCement will Trump’s Mauer bauen? Mehr Fremdschämen geht nicht.“ Mühelos könnte man zahllose ähnliche Posts zitieren.

Die persönliche Reputation und die des Unternehmens wegen einer knackigen Aussage zu riskieren? Wohl nicht. Auch wenn manch ein PR-Profi nach dem Wahlkampf in den USA meint, es wäre auch in Deutschland an der Zeit, markigere Töne anzuschlagen.

Das Bauchgefühl, der gesunde Menschenverstand, oder vielleicht einfach nur die Nachfrage bei den eigenen PR-Leuten hätten warnen müssen. Oder auch der Blick über den Tellerrand. Es gab mal einen Deutsche-Bank-Chef, der kurz vor dem Mannesmann-Prozess die Hand zum Victory-Zeichen hob. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden. Das Foto blieb dennoch über die Jahre das personifizierte Sinnbild für raffgierigen Turbokapitalismus. Sicher, Scheifeles Zitat hat nicht diese Dimension. Dennoch erscheint es vielen Beobachtern, dass dem Chef des kurpfälzischen Baustoffkonzerns der moralische Kompass abhanden gekommen ist. Oder dieser doch zumindest nicht richtig geeicht ist. So ein Image hat am Ende noch keinem Unternehmen gut getan. Selbst dann nicht, wenn HeidelbergCement die eigene Schmerzgrenze für sich selbst sehr hoch legt.

Galaxy Note 7: Endgültig am Ende

Dieser Artikel ist vorab auf HORIZONT.net erschienen.

Das ist nicht irgendeine Krise, das ist das Tschernobyl einer Marke. Samsung stellt die Produktion seines, im wahrsten Sinnen des Wortes brandgefährlichen, Galaxy Note 7 endgültig ein. Der Traum vom Innovationsführer ist vorerst ausgeträumt, Samsung muss die ultimative Reißleine ziehen. Gerade erst hatte das Unternehmen wegen der Brandgefahr des Note 7 einen weltweiten Umtausch für rund 2,5 Millionen Geräte angeschoben. Doch offenbar konnten die Ursachen auch bei den neuen Smartphones nicht beseitigt werden. In der letzten Woche waren widerholt auch bereits ausgetauschte Ersatzgeräte in Brand geraten. Spektakulärer Höhepunkt: In den USA musste ein Flugzeuges kurz vor dem Start wegen eines brennenden Note 7 geräumt werden.

Mit dem Produktionsstopp ist das Imagedesaster perfekt. Ein Unternehmen, das seine Kunden auffordert, sein Produkt nicht mehr zu nutzen, ja geschweige denn einzuschalten, ist mit seinem Latein am Ende. Der Dominoeffekt ist vorprogrammiert: Kunden werden sich jetzt nicht nur vom Note 7 abwenden, sondern die Marke Samsung insgesamt meiden. Das hat auch mit der missglückten Krisenkommunikation zu tun. Diese scheint auf dem Stand der 80er-Jahre stehen geblieben zu sein. Das Unternehmen gibt sich regelrecht zugeknöpft, verbreitet dürre Verlautbarungen, es wird offensichtlich nur kommuniziert, was unbedingt notwendig erscheint. Was die genauen Ursachen für die Brandgefahr sind, weiß man nicht. Entschuldigungen an die verunsicherten Kunden weltweit – Fehlanzeige! Natürlich kann keine Krisenkommunikation der Welt massive Produktfehler heilen und natürlich muss Samsung rechtliche Aspekte im Blick haben, ist als börsennotiertes Unternehmen vielen Zwängen unterworfen. Aber State-of-the-Art Krisenkommunikation sieht wirklich anders aus.

Vor allem gewinnt Samsung mit einer derart zugeknöpften Kommunikation kein Vertrauen zurück. Erst recht nicht nach diesem technologischen Debakel. Ein erster Schritt wäre eine ehrliche und nachvollziehbare Erklärung, warum die Akkus sich überhitzt haben. Ein zweiter wäre eine einfache und faire Regelung, wie die verkauften Galaxy Note7 zurück genommen werden. Immerhin: die bisherige Rückrufaktion wurde professionell und effizient abgewickelt. Das lässt hoffen.

Der Schaden für Samsung geht schon heute in die Milliarden. So kritisch Produktrückrufe kommunikativ und wirtschaftlich sind, Konsumenten haben üblicherweise kein Elefantengedächtnis. Lapidar gesagt: Der nächste Sale kommt garantiert. Im Falle Samsung und dem Note 7 liegt die Sache allerdings etwas anders. Zweifellos ist die Marke schwer beschädigt. Durch das Smartphone-Desaster wird es Abstrahleffekte auf andere Segmente der Samsung Markenfamilie geben. Auch wenn der Gedanke irrational ist, werden sich Konsumenten die Frage stellen, warum sie sich möglicherweise einen brennenden Kühlschrank oder Fernseher ins Haus holen sollten.

Um wieder auf die Beine zu kommen, lohnt sich für Samsung ein Blick auf andere berühmten Krisenfälle. Mercedes und die A-Klasse könnte lohnenswert sein, insbesondere wie man dort das Produkt überarbeitet hat. Wie man mit Niki Lauda und Boris Becker kommunikativ agierte. Vor allem aber, wie Mercedes die Fehler eingestanden, dann beseitigt und in die Offensive gegangen ist. Samsung kann mit dem Nachfolger des Note 7 durchaus punkten, wenn aus der Krise, auch der kommunikativen, die richtigen Schlüsse gezogen werden. Für die Marke ist es jedenfalls noch nicht zu spät.

Techniker Krankenkasse: Sonntägliche Beichte über Mauscheleien

 

Der Zeitpunkt war offenkundig mit Bedacht gewählt. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), nutzte das Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), um die sprichwörtliche Bombe platzen zu lassen. Sein überraschendes Geständnis: Kassen und Ärzte machen Patienten auf dem Papier kränker als sie es wirklich sind. Und kassieren dafür ordentlich ab. Schummeln nennt der TK-Boss das. Milliarden Kosten soll die Abrechnungspraxis bisher verursacht haben. Aus der Diagnose einer depressiven Stimmung wird da mal eben eine ausgewachsene Depression. Das bringt jährlich 1000 Euro mehr – pro Fall. Entstanden sei laut Baas ein System, ja sogar ein Wettbewerb. Krankenkassen, auch seine eigene, würden Prämien von zehn Euro zahlen für Ärzte, die auf dem Papier anstatt der richtigen eine schwerwiegendere Diagnose stellen. Die Branche nennt das schönfärberisch „Upcoding“. Sind die vermutlich illegalen Methoden bisher niemandem aufgefallen? „Das Bundesversicherungsamt und die Landesaufsichten sehen das ganz unterschiedlich und agieren nicht einheitlich.“, sagt der TK-Chef dazu etwas wolkig im FAS-Interview.

Die sonntägliche, öffentliche Beichte brachte vorhersehbar die bundesdeutschen Medien in Wallung. Wobei diese für den Moment nur mit dem FAS-Interview arbeiten konnten. Was ganz im Sinne der Techniker Krankenkasse gewesen sein dürfte, wurden doch die Aussagen vielfach 1:1 zitiert, die Tonalität damit durch die TK gesetzt. Professionelle Medienarbeit eben. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, warum Baas diese gezielte Grenzüberschreitung wagte. Denn der Chef der Techniker Krankenkasse ist nicht irgend jemand. Er steht der größten gesetzlichen Krankenversicherung mit knapp 10 Millionen Versicherten vor. Sein Wort hat Gewicht, er wird nicht nur innerhalb der Branche sondern auch von Medien und Politik gehört. Warum also diese „Nestbeschmutzung“? Und das nicht unerhebliche Risiko, des Betrugs bezichtigt und Ermittlungen auch gegen die eigene Krankenkasse zu ermöglichen? Letzteres wird Baas mit seinen Juristen vorgeprüft und in der Konsequenz als relativ geringe Gefahr eingestuft haben. Alles andere wäre fahrlässig und strategisch kurzsichtig. Bleibt der Blick zum Wettbewerb. Hier sieht sich Baas in Bezug auf die regionalen Krankenkassen massiv benachteiligt. Wobei mit dem Synonym „regionale Krankenkassen“ die örtlichen AOK’s gemeint sein dürften. Diese würden in 2016 voraussichtlich eine Milliarde Euro mehr bekommen als sie tatsächlich benötigten. Während die Ersatzkassen wie die TK rund 700 Millionen Euro weniger erhielten, als sie tatsächlich bezahlen müssten. „Das hat mit gesundem Wettbewerb nichts zu tun.“, gibt der Topmanager zu Protokoll.

So scheint das Eingeständnis weniger ethisch-moralischen Überlegungen zu folgen, auch wenn diese im Interview durchaus anklingen. Vielmehr will die Beichte mutmaßlich die Diskussion über die Millardenverschwendung entfachen. Um damit gleichzeitig eine gezielte Attacke auf Wettbewerber, namentlich die regionalen Krankenkassen, zu reiten. Mit dem erheblichen Risiko, der Techniker Krankenkasse einen ordentlichen Reputationsschaden einzuhandeln. Bleibt abzuwarten, ob diese gewagte Strategie wirklich aufgeht.

 

Niedersachsen: Das teuerste Wort der Landesgeschichte

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Wann immer ein Bundesland sich anschickt, ein neues Logo, einen Slogan oder gar eine Imagekampagne auf den Weg zu schicken, regt sich reflexartig massiver Widerstand. Üblicherweise schießt sich zunächst der jeweilige politische Gegner auf das Thema ein. Vornehmlich mit der Begründung, dass man diese unnütze und qualitativ minderwertige Maßnahme jetzt gerade nicht brauche. Auch könne man das, viel zu üppige, Budget anders besser einsetzen. Selbstverständlich nutzen Medien solche Steilvorlagen nur zu gern und drehen die Geschichte mit eigenem Tenor weiter. Via Social Media wabert obendrein im Netz längst die Kritik. Ist es doch eine willkommene Gelegenheit, die aktuelle Landesregierung und/oder das politische Establishment zu attackieren. So gerade geschehen in Niedersachsen. Dort hat sich das Land einen neuen Claim verpasst. Ganz gradlinig heißt es ab sofort „Niedersachsen. Klar.“ Vorgestellt wurde der nicht eben langatmige Slogan in der hannoveraner Landespressekonferenz – vom Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) höchstpersönlich.

Kaum veröffentlicht, wurde „Niedersachsen. Klar.“ zum Objekt öffentlicher Diskussion. Süffisant bemerkte der NDR, dass die Niedersachsen jetzt nicht einmal mehr Luft für einen ganzen Satz holen müssten. Die Opposition, in diesem Fall die CDU, stürzte sich auf die Entwicklungskosten. „Das teuerste Wort der Landesgeschichte“ ließ man sich medienwirksam zitieren. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) war ähnlicher Meinung und ätzte „Ist dieser Slogan 11.500 Euro pro Buchstabe Wert?“ Im Netz machte sich das übliche Gemaule breit. Soweit, so normal.

Am Beispiel Niedersachens sieht man, wie schwer es ist, für ein Land zu werben. Zugegeben, die Norddeutschen sind durch allerlei peinliche Kampagnen gebeutelt. „Sie kennen unsere Pferde. Erleben Sie unsere Stärken“ hieß es früher mal. Zum Fremdschämen gruselig auch das letzte offizielle Tourismusvideo, ein Imagefilm als Musikvideo getarnt. Fernsehkomiker Oliver Kalkhofe, selbst Niedersachse, filetierte den Spot in seiner berühmt-berüchtigten Sendung „Kalkhofes-Matscheibe„.

Wegen derlei schlechter Beispiele wird von Kritikern der Wertbeitrag von Kommunikation für Länder und Regionen oft verleugnet. Ihre Argumente: Peinlich, nicht notwendig, bringt nichts, zu teuer. Leicht verwundert stellt man sich die Frage, ob heute wirklich noch jemand ernsthaft glaubt, ohne Marketing und Kommunikation auszukommen? Wohl kaum. Als leuchtendes Beispiel für erfolgreiches Ländermarketing wird gemeinhin „Wir können alles, außer hochdeutsch“ ins Spiel gebracht. Aber auch diese Kampagne hatte es anfangs schwer. Groß war die Ablehnung, überbordend das Genörgel. Heute gilt sie als die erfolgreichste eines Bundeslandes, wird als die Referenz benutzt, an der sich andere messen lassen müssen.

Wenn sich also ein Bundesland für eine Standortkampagne entscheidet, muss es ohne Wenn und Aber den professionellen Weg gehen. Neben politischem Willen und Durchhaltevermögen gehören dazu zwangsläufig formale Abläufe, wie Ausschreibung und Pitch. Beides bedeutet für Agenturen erheblichen Aufwand, oft werden mehrere zehntausend Euro an Vorlaufkosten fällig. Bei unsicherem Ausgang und ohne Bezahlung für die Unterlegenen. Der glückliche Sieger steht in der Pflicht, mannigfaltig Konzepte und Ideen zu entwickeln. Um diese in einem aufwendigen und steinigen Prozess in Verwaltung und Politik durchzuboxen. Bis sich beispielsweise der richtige Slogan herauskristallisiert hat, werden unzählige Brainstormings und Präsentationen abgehalten. Deren Ergebnisse werden üblicherweise heftig diskutiert, kritisch hinterfragt, intensiv überdacht, nur um am Ende meist verworfen zu werden. Das ist Tagesgeschäft für Agenturen, bedauern muss man diese deshalb nicht. Klar ist aber auch: Trotz gängiger Werberfolklore fällt einem die geniale Kampagne praktisch nie unter der Dusche ein. Gute Kommunikation ist kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Die kostet Energie, Zeit und Geld. Und ist nicht auf dem Ramschtisch oder gar kostenlos zu haben. Weder in Niedersachsen noch anderswo. Schon deshalb sind die 11.500 Euro pro Buchstabe jeden Cent wert.

TTIP: Demos wie ein Pop Konzert

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Da reiben sich PR-Profies die Hände: Hunderttausende Gegner des transatlantischen Handelsabkommen TTIP auf den Straßen der Republik, dazu „Achtung, die Chlorhühnchen kommen!“-Videos: Im Kampf gegen Freihandelsabkommen wie TTIP und CETA zeigen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) dieser Tage idealtypisch, wie politische Kampagnen erfolgreich auf die Straße gebracht werden. Das Medienmagazin ZAPP (NDR) hat mich dazu befragt. Wer lesen will, findet hier die Einschätzung; das Video kann man sich hier anschauen.

Klebergate Österreich: Verfahren auf der Leimspur


Manche Geschichten sind so skurril, dass man sich wiederholt fragt, wer sich diese Story wohl ausgedacht haben mag. Nur um kurz darauf überrascht festzustellen, dass all das Unglaubliche weitestgehend wahr ist. In genau diese Kategorie fallen die vielen kleinen und großen Absurditäten rund um die Bundepräsidentenwahl bei unseren österreichischen Nachbarn. 

Dort bekommt es die verantwortliche Administration, namentlich das Innenministerium in Wien, auch im zweiten Anlauf nicht hin, die Wahl zum Bundespräsidenten wie geplant durchzuführen. „Bananenrepublik“ witzeln nicht nur österreichische Medien. Grund hierfür sind nicht etwa politische oder gar verfassungsrechtliche Aspekte. Nein, die Wahl scheitert an der klitzekleinen Klebespur eines Briefumschlages. Diese nämlich verweigerte den Dienst – zumindest hin und wieder. So öffneten sich Kuverts ganz ohne fremde Einwirkung. Dumm nur, wenn es sich dabei um Briefwahlunterlagen handelt. Und damit womöglich hunderte Stimmen ungültig würden. Dem Innenminister, Wolfgang Sobotka, blieb schlussendlich nichts anderes übrig, als den Wahltermin abzublasen und dem Parlamemt einen neuen für Dezember vorzuschlagen.
Das Land ist bis auf die Knochen blamiert, viele Österreicher ärgern sich lautstark und sind mehr als peinlich berührt (Nun ja, wir Deutschen kennen das, Stichwort BER). Aus allen Ecken und Enden der Welt ergießen sich Spott und Häme. Ist doch die Steilvorlage einfach zu dankbar für allerlei Blödeleien rund um das #Klebergate. Gefühlt dauerte es nur Millisekunden, bis sich Witzbolde mit allerlei mehr oder weniger kreativen Ideen überboten. „Das Kleben der Anderen“, hieß es da. Oder: „Österreich ist derzeit von allen guten Kleistern verlassen.“ Ein anderer meinte „Mit Vorhängschlössern wäre das nicht passiert.“ Eine Fotomontage zeigt die österreichische Flagge, in der Mitte eine halbgeschälte Banane. Zu erwerben übrigens auf Amazon.

Als wäre das alles nicht genug, rieten Hotline-Mitarbeiter des Innenministeriums fragenden Anrufern, die fehlerhaften Kuverts mit einem Uhu-Stick einfach wieder zuzukleben. Dem wollte der eigene Minister offensichtlich in nichts nachstehen und lud flugs zur Pressekonferenz. Die Süddeutsche Zeitung merkte dazu süffisant an, diese hätte „Loriot gefallen“. Sobotka nutzte dabei so wunderbare Formulierungen wie „technische Situation des Klebers“ und referierte über dessen „technisches Gebrechen“. Einfach herrlich!

Bleibt am Ende zu konstatieren, dass selbst ein kleiner Klebestreifen ein veritables politisches Beben auslösen, einen desastatrösen Imageverlust fabrizieren und ein Land bis auf die Konchen blamieren kann. Ohne Zweifel mit wohlwollender Unterstützung der handelnden Akteure. Insofern gilt für alle Kommunikatoren: Seid gewarnt! 

Die True Fruits Plakatkampagne: Ein zu langer Witz

Die aktuelle Kampagnen von True Fruits hängt in ausgewählten deutschen Großstädten. Quelle. True Fruits

Wenn in einer fröhlichen Parytrunde jemand einen anzüglichen Witz reißt, sind die Reaktionen oft sehr unterschiedlich: Die einen lachen aus vollem Herzen. Andere stimmen eher zwanghaft mit ein. Der Rest ist schlicht irritiert. Befeuert durch die Lacher legt der Witzbold nach. Verpasst wiederholt den Absprung. Bis man wahlweise ermattet und oder nur noch genervt ist. Am Ende wollen alle nur noch, dass es aufhört. Genau so geht es einem mit der aktuellen Kampagne von True Fruits. Die 18/1-Plakten grölen einem vorpubertär fröhlich „Bei Samenstau schütteln“ oder „Zwei Samensspender aus gutem Hause“ entgegen. War das am Anfang je nach persönlicher Humor-DNA lustig, abstoßend oder schlicht irrelevant, ist es jetzt einfach nur noch nervig. Und das nicht, weil die Plakate hängen oder weil überall darüber berichtet wurde. Sondern einfach, weil die Macher von True Fruit jede noch so billige Pointe mitnehmen und auschlachten. Und damit den Schlusspunkt vergeigen.

War die Reaktion auf die versagten Genehmigungen der Münchner und Stuttgarter StadtverwaltunTrue-Fruits-Plakatkampagne-zensiert-166499-detailpgen mit dem aufgeklebten Störer „Zensur“ noch smart und souverän, ging es danach steil bergab. Beispiel gefällig: Das BILD Interview mit Wortspielen a la „Warum sind Sie zu spät zum Interview gekommen, standen Sie im Samenstau?“ ist so vorhersehbar, platt und billig wie eine 1-Euro-Leggins aus dem Schäppchenmarkt. Immer wenn man denkt, jetzt ist das Thema doch nun wirklich ausgelutscht, geht es fröhlich weiter. Nervigster Tiefpunkt ist das Video von Marketingchef Nicolas Lecloux als Reaktion auf den letzten Brief des deutschen Werberates. Darin wird praktisch kein noch so banales Wortspiel ausgelassen. Und was witzig sein soll, wirkt schlicht bemüht und wie die Replik eines Teenies auf YouTube. Da hilft es auch nicht, wenn Lecloux sich rhetorisch die Frage stellt „Warum dürfen wir als Unternehmen nicht so kommunizieren, wie wir es auch privat machen?“ Nun, vielleicht kann man ihm hier ein bisschen Hilfe geben: Weil eben nicht alles, über das man privat spricht, die Öffentlichkeit auch wirklich wissen will. Klar soweit?


Ohne Zweifel hat die lustig-provozierende Kampagne 
für Aufsehen gesorgt. Das ist ihr auch deshalb gelungen, weil in der deutschen Außenwerbung Tristesse und Langeweile herrschen. Normalerweise wäre das pubertierndende Gehabe eines kleinen Start-Ups ja keine Zeile wert, aber sobald in Deutschland ein paar anzügliche Zitate auf Plakate gedruckt werden, ist der Teufel los. Obwohl offensichtlich war, dass die Macher genau darauf abzielten. Logisch, dass ihnen nicht nur das Netz den Gefallen tat. Dort wurde gelobt, gepöbelt, geblödelt und gelästert was das Zeug hielt. Deweil durch die vielen Posts mit dem Holzhammer draufgestoßen, reagierten auch die klassischen Medien fast elektrisiert und befeuerten das Thema mit breiter Berichterstattung. Und der Werberat, alarmiert durch allerlei Zuschriften, schrieb an True Fruit gleich drei Mal. Viel Thermik, wegen ein paar billiger Überschriften.

Die Frage ist nur: Erreicht man mit dieser provokant-anzüglichen Kampagne eine Zielgruppe, die „püriertes Obst, abgefüllt in kleine Glasflaschen, zu einem horrenden Preis“ kauft, wie das Handelsblatt so schön schreibt? Marco Saal vom Horizont hat dazu einen klugen Kommentar geschrieben. Er legt den Finger in Wunde, wenn er schreibt, dass es der entscheidende Fehler wäre zu glauben, dass genau diese Leute zur Zielgruppe der Kampagne von True Fruits gehören.

Am Ende bleibt einfach der schale Nachgeschmack eines zu oft erzählten Witzes. Oder wie meedia.de so schön schreibt: Penetrante Saft-Säcke, die nur noch nerven. Ein klassischer Fall von „So verscherzt man Sympatien“. Schade eigentlich.