Legende zum Fremdschämen

Früher beherrschte er die Tennisplätze dieser Welt. Ein Held, ein Sport-Ass, ja ein Vorbild. Heute irrlichtert die einstige Legende nur noch durch die Medien, vorzugsweise im Boulevard – und hat wohl den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst.

Screenshot SPIEGEL.de

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Die Rede ist von „Bumm-Bumm-Boris“, „Bobbele“ oder „#TheBorisBecker“, wie er sich bei Twitter nennt. Dort hat die Tennislegende rund 300.000 Follower – und die schauen fasziniert zu, wie er sich tagtäglich selbst demontiert (z.B. SPIEGEL,  MOPO). Man ist erstaunt und möchte sich fast zwicken, ob das alles gerade wirklich passiert. Denn Selbstachtung und Stil sind offenbar Kategorien, die eine untergeordnete Bedeutung haben – in der Tragödie, die hier gerade gegeben wird.

Becker postet Bilder vom Wohlstandsbauch, posiert vor teuren Sportwagen, lobt freizügige Modelfotos oder giftet gegen andere Prominente wie Raab und Pocher. Auf Twitter preist er auch seine Biografie an, die der STERN mit den Worten „vom strahlenden Tennishelden zum Jammerlappen“ beschreibt. Der TAGESSPIEGEL ätzt „Boris Becker – ein Leben als Seifenoper“.

Screenshot Spiegel.de

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Den traurigen Höhepunkt der eigenen Demontage bildet zweifelsfrei der Auftritt in der Oliver Pocher Show. Die stets um Balance bemühte dpa beschreibt die Situation so: „Becker wirkt wie ein alter Gladiator, der gezwungen ist, noch einmal im Zirkus einzuziehen. Aber man stellt ihm keinen Kämpfer gegenüber, sondern nur einen Clown.“

Trotzdem sind sich die medialen Kommentatoren am Spielfeldrand uneinig. Ist Becker nun endgültig durchgeknallt, total verarmt oder einfach nur verzweifelt? Ist das Demontage oder Wandel? Vernichtet sich da ein Idol oder erfindet es sich etwa neu – so wie es andere Stars auch ständig tun? Auch wenn die negative Berichterstattung einem medialen Tsunami gleichkam, schwingt in so manchem Kommentar Bewunderung mit: „Eins ist unstrittig: Boris Becker schafft es auch 14 Jahre nach seinem Karriereende immer noch in die Schlagzeilen“ findet FOCUS.de nach der Buchpremiere. „Als Entertainer ist er eine Wucht“ kommentiert WELT.de den Auftritt in der Pocher-Show und defniert damit gleichfalls die neue mögliche Rolle von Boris Becker. Jetzt also „Entertainer“, nachdem es für ihn als „Geschäftsmann“ nicht geklappt hat: „Verzockt! Die bittere Wahrheit über den Geschäftsmann Boris Becker“ titelte der FOCUS.

Vielleicht geht es so: Becker sollte sein eigenes Medium werden, quasi seine eigene „Yellow Press“, mit der Hauptabteilung Trash. Er besitzt mit Twitter, Facebook und Instagram einigermaßen reichweitenstarke Distributionskanäle. Er hat, nein besser, er ist der Content. Er liefert zuverlässig in Text- Bild- und Videoformaten. Er hat hunderttausende treue Leser. Vielleicht lassen sich diese auf sogar auf Online-Bezahlmodelle ein à la „schalte jetzt deinen Premium-Account frei und lies, wen Boris gerade auf der WM VIP Tribüne in Brasilien trifft“. Oder noch besser: „Jetzt ist die Chance, dort (günstig) Werbung zu schalten“. Vielleicht heißt es also bald wieder: „Vorteil Becker“. Hört sich irgendwie gut an, klingt ironisch und auch falsch. So gesehen geht es mir wie so vielen, die teils belustigt, teils fremdschämend, darauf hoffen, dass das einstige Tennisidol doch noch in Würde abtritt. Aber dem steht wohl vor allem einer im Weg: Becker selbst.

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„Die Zitrone wurde nicht nur ausgequetscht, sie hat sogar schon gequietscht.“

Das sind Orte, von denen man glaubt, dass es sie so gar nicht mehr gibt: Das alt-ehrwürdige RIAS-Gebäude am Innsbrucker Platz in Berlin. Eine Pförtnerloge mit scheinbar zur Einrichtung gehörendem Personal, die marmorne Freitreppe aus den späten Fünfzigern, lange Gänge mit eichefarbenen (?) Türrahmen, an den Wänden eine Fotogalerie von Grass bis Kohl und dann das Studio 5, in dem auch schon Ludwig Ehrhardt hätte sitzen können. Ein Haus, in dem der Glanz des deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit optisch und architektonisch konserviert ist. Alles ein wenig ausgestorben – am vergangenen Freitagabend.

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Zensurversuch: Maredo geht juristisch vor

Quelle: queer.de; Dieses Motiv ist nicht stammt nicht von Scholz&Friends, sondern von queer Kreativ-Direktor Christian Scheuß

Nachdem die Steakhauskette Maredo durch die Agentur Scholz & Friends und deren nichtgenehmigte Kampagne „Brandzeichen“ in eine mediale Krise schlitterte (siehe seperaten Beitrag auf crisiseverywhere.com), machte der Restaurantbetreiber in der Kommunikation vieles richtig: Distanzierung von den Motiven und Inhalten, Nennung des Verursachers, Erläuterung der eigenen Position und die Kommunikation dazu. Selbst die unterschwellige Drohung, man fordere Printmedien, Websiteninhaber und Provider auf, das in Rede stehende Motiv nicht weiter zu verbreiten und weitere Downloads nicht zuzulassen – geschenkt. Insgesamt wurde die Position des Unternehmens deutlich transportiert, sowohl in klassischen Medien als auch im Social-Web. Und auch der Verursacher, nämlich Scholz & Friends, war klar benannt. Das es weiterhin Kritiker, Trittbrettfahrer und Krawallmacher geben würde, ist in einer solchen krisenhaften Situation für das betroffene Unternehmen nicht tröstlich, aber kommunikativ betrachtet eher normal. Gelassenheit und die Wiederholung der eigenen Position ist hier oft die richtige Haltung. Weiterlesen

E wie extrem daneben?

Das haben sich die Marketingstrategen und die dazugehörigen Werber der Eon-Zweitmarke „E wie einfach“ sicher anders vorgestellt: Anstatt mit ihrem neuen TV-Spot „Einschlafen“ im Olymp der ironischen Werbung zu landen, mussten sie nach Protesten aus dem Netz und teils deftigen Medienberichten ihren neuen Spot jetzt zurückziehen. Der Grund: Viele Internetuser meinten in dem Werbefilm Sexismus und die Verherrlichung von Gewalt auszumachen.

Die Geschichte des kritisierten Films ist schnell erzählt: Frau und Mann räkeln sich im Bett. Sie zu ihm „Hase, ich kann nicht schlafen.“ Er verpasst ihr darauf einen Kopfstoß a la Zidane. Abspann: Ist doch ganz einfach. Abbinder Webadresse.

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Irgendetwas läuft immer schief

Nachdem ich mich im vergangenen Jahr nicht um crisiseverywhere.com kümmern konnte und bei praktisch jeder größeren und kleineren Krise dachte „hier müsste man eigentlich etwas posten“, startet der Blog jetzt wieder. Ganz platt lässt sich konstatieren: Selbst wenn alles rund läuft, läuft immer etwas schief.

Immer noch allgegenwärtig: Die bisher größte Krise um einen deutschen Präsidenten, jetzt Ex-Bundespräsident. Christian Wulffs Umgang mit seinem privaten Hauskauf und sein merkwürdiges Verhältnis zur, sagen wir mal, Transparenz, löste nicht nur eine mediale Welle aus: Zunächst gab es die übliche massive kritische Berichterstattung. Später sprachen nicht wenige sogar von einer gezielten Kampagne. Es folgte „lehrbuchartig“ die Kritik über die Kritik der Medien. Darf man dieses oder jenes gegenüber dem Amt, dem Präsidenten? Ja. Man darf. Dann waren da auch noch die medialen Heckenschützen zu besichtigen, welche im Zeitverlauf immer wildere Spekulation zum Besten gaben. Im Gegensatz dazu die Minderheit der Kämpfer für Wulff und eine von Anfang an eher distanzierte Kanzlerin. Wesentlich natürlich die treibende und manchmal undurchsichtige Rolle von BILD. Wie Spinger-Chef Chef Mathias Döpfner schon vor fünf Jahren so schön sagte: Wer mit BILD „im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten“. Schließlich die oft emotionalen Diskussionen in den deutschen Wohnzimmern: Kaum eine Familie oder Stammtisch, die nicht eine Meinung zur Causa Wulff hatten.

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Keine Zeit mehr zum Denken: Zerstört der Internet-Nachrichtenzirkus die Welt?

No time to think

Das Internet schafft schneller Tatsachen als Menschen denken können. Ein Beispiel: 2002 meldete United Airlines Insolvenz an. Sechs Jahre später wird daraus ganz automatisch eine News: Im Online-Archiv von „Sun Sentinal“ ist der Bericht von 2002 ohne Datum zu finden. In einer Septembernacht 2008 wurde dieser Artikel EINMAL angeklickt. Die Startseite des „Sentinal“ führt den Text plötzlich als einen der meist besuchten Beiträge. Google News listet ihn entsprechend ganz vorn und setzt das Datum 6.9.2008 dazu. Dann wird die „News“ von einem Mitarbeiter eines Investmentdienstleisters ohne Recherche in einen Newsletter aufgenommen. Ohne den Hinweiss, dass United Airlines seit 2006 wieder zahlungsfähig war. Der UA-Kurs brach um 75 Prozent ein und die Aktie musste für einige Stunden aus dem Handel genommen werden. Eine Milliarde Dollar wurde innerhalb von 12 Minuten vernichtet. Condor erging es nicht ganz so schlimm: Doch die Meldung vom 21. August 2008 zu einer Notlandung einer Maschine in Mombasa, wurde ganz automatisch im März 2009 wieder verbreitet und so zu einer News sogar für Printmedien.

„Shit happens“, könnte man meinen. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Zuviele News sind online, bevor Unternehmen reagieren. Ob automatisch generiert oder von Pressure Groups gepusht, Corporate Communications tut sich schwer mit der Geschwindigkeit, Kürze und Prägnanz, die im Web zählt. Drei Minuten Reaktionszeit bei Twitter? Ein Blog-Eintrag ohne Abstimmungsprozedur? Im Normalfall heißt’s: Vergessen Sie’s. Wie immer die Antwort aus den Konzernkommunikationen auf Google News, Blogosphere und Social Media aussehen wird: Profundes Nachdenken über notwendige Entscheidungen und ihre Kommunikation werden auch im Web 2.0 Zeitalter das sein, was zählt. Auch wenn die Zielgruppen länger als drei Minuten auf das CEO-Statement warten müssen.

Dazu ein Beispiel aus der jüngsten Geschichte. Der Pulitzer-Preisträger Howard Rosenberg und Reporterlegende Charles S. Feldmann gehen in ihrem Buch „No time to think“ einen Schritt weiter und fragen, ob der 24/7-Nachrichtenzyklus des Internet profunde Entscheidungen überhaupt unmöglich machen kann. Sie interviewten Ted Sorensen, einen der Berater von JFK während der Kubakrise 1962. Auf die Frage, wie die Dinge sich heute entwickelt hätten, antwortet Sorensen: „Wäre das erste Zeichen der Raketenkrise der Öffentlichkeit bekannt geworden, hätte der 24/7-Nachrichtenzyklus einen enormen Druck auf den Präsidenten erzeugt, sofort zu reagieren. […] Höchstwahrscheinlich hätte das bedeutet, dass wir einen Luftangriff gegen die Raketen und ähnliche Ziele gewählt hätten. Das hätte laut Pentagon höchstwahrscheinlich einen Einmarsch und eine Besetzung Kubas nach sich gezogen. Und dann hätten wir höchstwahrscheinlich entdeckt, dass die Sowjettruppen in Kuba sowohl über taktische Nuklearwaffen als auch die Berechtigung, sie bei jedem US-Angriff einzusetzen, verfügten. Das Ergebnis wäre ein Atomkrieg und die Zerstörung der Welt gewesen.“ Webkritik hin oder her – das alles haben die Autoren natürlich auch 24/7 unter notimetothinkbook.com veröffentlicht.